Monat: Mai 2018

Das erste Gravel Bike

Ein Hirsch und ein Walross – seltenes Aufeinandertreffen zweier seltener Exemplare…

28.03.2018 – in meiner rechten Hand befindet sich die eine Maus aus Glas, vor mir flimmern auf 27 Zoll gekörnte Aufnahmen von Wäldern und Rädern… Mit dem linken Zeigefinger tippe ich bei Anzahl der Flaschenhalter eine zwei ein und bestelle. Was ich hier mache? Canyons neusten Streich, das Grail bestellen und entgegen aller Meinungen glücklich werden. Dazu später mehr. Besprechen wir erstmal die Lage der Nation zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Das Grail CF ist die (eigenwillige) Koblenzer Interpretation von Gravel. Und um zu verstehen, warum es diesen Bericht gibt, gehen wir noch ein paar Tage weiter zurück.

Einmal mehr hatte einer dieser heldenhaften Piloten von motorisierten Vierrädern meiner Radausfahrt ein schnelles und jähes Ende bereitet, in dem ich mich kurzerhand auf einem leuchtend rot gepinselten Radweg wieder fand. Rad kaputt, Mensch ganz, also ist doch klar, was nun kommt. Ein neues Rad musste her. Der werte Herr Autofahrer hatte ganz einfach eindeutig mehr McDonalds als StVO im Kopf 😉

In der Schlacht verloren gegangen waren also ein Helm und ein Endurace AL 6.0 – mein treuer Begleiter für die Wintertage. Anderer Ort, ein paar Tage früher. Canyon stellt das Gravelbike Grail am 15.03. vor und wird direkt mal bis auf Anschlag von der Web-Fahrradgemeinde gebashed, gesteinigt und nach dem teeren gefedert und nochmal geteert und nochmal gefedert. Was bitte war hier passiert? 

Man muss sich einfach folgendes vorstellen. Ein Rennrad mit Scheibenbremsen und völlig neu gedachtem und exotischem Lenkerkonzept wurde entworfen, einer daraus resultierenden besonderen Geometrie des Rahmens, irgendwo zwischen Komfortmodellen und Look Rahmen Optik gebaut, dass sich auf der Straße als auch unbefestigten Feldwegen, Schotter und sanften Trails wohl fühlt. Die carbongewordene Singularität für alle Realitätsverweiger, Früher-war-alles-besser-Sager und Rückwärtsgewandte. Oder wie man sie (in erschreckend hohem Maße) auch nennen kann: Rennradfahrer.

Es flackert öfter in meinen Beiträgen auf, doch immer wenn ich glaube, es ist mal gut, kommt da eine neue Stufe der Eskalation. So auch hier. Das Teil war frisch vorgestellt, somit nur auf Fotos zu begutachten und sicherlich von jedem selbsternannten Velo-Experten hunderte Kilometer getestet -ha ha-, da gab es schon zig Meinungen im Web.

Geometrie hier sinnlos da zu gestreckt mimimi, Lenker sieht sch**** aus und bringt bestimmt nix, auffallen um jeden Preis, doofes Canyon, machen die nur aus Marketing Gründen usw. Es folgten unmittelbar Photoshop Battles, die den Lenker kurzerhand zum Heizkörper, Blumenkastenhalter und anderen Dingen machten. Doch es war aus objektiver Sicht eines schnell klar. Die Innovationsverweiger dominieren die Meinung über das Bike. Das machte mich per se schon neugierig. Denn üblicherweise schreien etablierte nur im Fall von echter Konkurrenz besonders laut.

Kommen wir also zurück zur Eingangssequenz. Mein altes Rad war Schrott, sprich ein neues musste her. Es sollte ein Canyon sein, es sollte maximal flexibel sein, was den Untergrund betrifft, und natürlich Spaß machen – Order complete. Ich bestelle das Teil kurzerhand in 2XL. Canyon hat aus meiner Sicht bisher Features immer der Sache geschuldet sonderbar gestaltet (Stichwort Inflite Knick), der Preis ist wie immer fair, große Rahmen haben sie Jungs sowieso. Und sie trauen sich auch mal mit 120kg Rahmengewichtsfreigabe ums Eck. 

Im Mai holte ich das Rad vor Ort ab und möchte nun ein paar subjektive Worte zum Fahrverhalten sagen. Das Rad betreibe ich mit zwei LRS, jeweils der C1800 Spline 23 Serie von DT Swiss. Einmal mit Standard Schwalbe One Bite Bereifung ab Werk und ein weiterer mit Conti 4 Season in 32mm breite.

Hieraus ergibt sich für Urlaube eine phantastische Kombination, mit dem Rad schnell auf der Straße und auch schnell im Gelände zu sein. Der berühmte Lenker fasst sich nicht nur angenehm, durch die Erhöhung ermöglicht er in der typischen Oberlenkerhaltung auch eine aufrechtere Sitzposition. Die Laufruhe des Rades macht es ohne weiteres möglich, diese Griffposition auch beizubehalten, wenn der Untergrund lose wird. Und dort spürt man den berühmten Flex. Schläge dämpft eine Konstruktion dieser Art natürlich nicht weg, doch reduziert Sie die Vibrationen auf ein kaum spürbares Mindestmaß. Wird es zu ruppig, ab in den Unterlenker. Durch die konstruktionsbedingte Unterbrechung im Bügel umgreift man sozusagen mit dem Daumen über der Strebe und den Fingern darunter. Es fühlt sich an, als ob man sich im Rad vergreift und gibt einem mehr das Gefühl, mit dem Rad verbunden zu sein. Nebenbei ist der Lenker Blocksteif und eignet sich für harte Antritte oder ziehen beim Ortsschildsprint. Das Grail ist daneben ein äußerst bequemes Rad, welches hier und dort durch Flex besticht, obwohl ich gerade bei der Sattelstütze auf eine 400er aus Alu zurückgreife. Ebenfalls kann ich den Fizik Sättel nicht bewerten, da ich einen SQLab 612 fahre. 

Kritikpunkte? Die Lackierung empfinde ich als extrem anfällig für ein Rad, dass seine Bestimmung im Wald und Off Track sucht.

Eisdielenfaktor?

Es ist preislich das günstige Rad meiner drei und hat den größten Aha Faktor. Insbesondere viele nicht Radler sprechen mich sehr häufig auf das Design, auch wenn man im Wald unterwegs ist. Jüngere finden es einfach nur „geil“. Naja, und ich habe den perfekten Ganzjahresbegleiter gefunden, mit dem ich auch den Ötztaler 2018 gefahren und gefinished haben.

Alltagsnutzen?

Die Runde zum Fitnessstudio für die Krafteinheit über Landstraße, Feldweg und Sand? Schnell mal zum Bäcker? Sonntags zwei Stunden im Wald spielen? Bei Schnee auf die Straße? Im Urlaub nicht genau wissen wie die Straßen sind und trotzdem radeln wollen? Mit einem Bike dieser Gattung kann euch das künftig egal sein, sondern ihr radelt einfach drauf los.

Ich mag Gravel Bikes gerne, und das Grail macht seine Sache wirklich toll..

Ciao, euer

Bergwalross

Mont Ventoux

A Day in the merde…

A day in the merde…

Ganz genau! Der Titel ist schlimmstes Frenglisch, zusätzlich einem recht witzigen Buch entliehen, welches den Titel „A Year in the Merde“ trägt und sich auf sehr unterhaltsame Art mit einem Engländer in Paris auseinandersetzt – Buchtipp!

Nun bin ich aber, wie ihr wisst, kein Engländer, sondern halb Deutscher und halb Niederländer. Merde war es trotzdem, und die Handlung spielt in Frankreich. Passt also doch, so irgendwie – gefällt mir.

Was ich dort gemacht habe? Ein schönes verlängertes Wochenende verbracht. Wo genau? An der Grenze zwischen Provence und Côte d‘Azur – Mazan, ca. zehn Kilometer von Bédoin entfernt sollte die Basis sein. Haben die ersten Synapsen schon gezuckt? Richtig, es ist einer DER drei Startpunkte zum sagenumwobenen, ja sogar mythischen, Mont Ventoux.

Aber erstmal zurück auf Los. Manche Menschen, so sagt man ;-), müssen einen Baum pflanzen, ein Haus bauen usw. Ja, und ein Radfahrer mit Rennrad Passion muss wohl diesen Berg hoch… fahren… laufen… laufend weinen… schieben… whatever. Mit dem Gedanken für dieses Vorhaben trug ich mich schon seit einem längeren Zeitraum und 2018 sollte es endlich soweit sein. 

Die vorangegangenen Recherchen im Herbst und Winter 17/18 förderten eher zufällig den Club des Cinglés du Mont-Ventoux zu Tage. Club was? Okay, fasse die Übersetzung einmal in meinen Worten mit Hilfe von Google Übersetzer als Club der Bekloppten vom Mont Ventoux zusammen. Vetos gerne via PN ;-). Alle Cinglés Anwärter eint der Wille, diesen Berg zu erklimmen, aber natürlich ist einmal nicht genug. Als ob der Gipfel mit seinen 1912 Höhenmetern für sich genommen nicht hoch genug ist, wollen diese Bekloppten (zu dieser Gattung dürft ihr mich zählen) mindestens drei Mal dort hoch. Die Besteigung via Straße von allen Dörfern, Bédoin – Malaucène – Sault, am Fuß des Ventoux. Innerhalb eines Kalendertages, NATÜRLICH! Weitere Fragen? Dachte ich mir schon 😉 

Für 20 Euro die Stempelkarte bestellt online bestellt, neben dieser ein Startnummernschild für den Rahmen/Sattelrohr dazu bekommen und fertig war der Lack. Auf geht’s am 10.05.2018, 900km mit einem overnight stop (Beaune) mit der Karre abspulen und an der Berg-Hölle ankommen.

Angekommen ist das richtige Stichwort. Der kahle Riese, wie ihn die Ortsansässigen ehrfürchtig nennen, ist derart imposant und auf eine gewisse Art auch furchteinflößend, dass der Respekt schnell in die Beine steigt. Die Umgebung ist paradoxerweise extrem schön. Ländliche verschlafene Idylle trifft Weinbau, kleine Dörfer, mildes Klima, uralte liebevoll Instand gehaltene Häuser und Höfe sowie jede Menge Lavendel. 

Doch genau in diesem Sinnieren tut es diesen einen Schlag und der Berg brennt sich beim Schweifen lassen des Blickes mit ganzer Wucht in die Augen ein. Nicht ein spitz zulaufend Gipfel, sondern eine massive, schier nicht endende Wulst aus Stein erstreckt sich kilometerbreit in die Landschaft, dekoriert mit einem Funkturm, sogar eine im Mai noch immer von Schnee pudergezuckerte Spitze blitzt hervor. 

Der Berg ruft: Überlege dir gut, was du hier erreichen willst. Ich lasse keine Gnade mit dir walten, im Willen brechen bin ich Profi.

Okay… wenn ich ja schon mal da war, und diese Stempelkarte hatte… konnte ich auch nicht kneifen. Mit so ziemlich allen gegenteiligen Zutaten einer Top Vorbereitung machte ich mich auch, dass Teil mal locker aus der Hüfte zu bezwingen. Bin ja ein Cinglés, fast… also so gut wie… nicht… will es besser gesagt werden. Mein Material (der Storck Renner) und solche Faxen kennt ihr alle, daher gehe ich nicht mehr weiter darauf ein. Nur zum Thema Kleidung komme ich später noch des Öfteren. Und für die Nerds. Ich startete die Challenge mit 50/34 Kurbel und 11/28 Kassette, letzteres sollte ich böse bereuen!

Morgens halb neun in Bédoin. Die ortsansässigen Bars und Cafés haben schon geöffnet, schenken Espresso aus – sehr leckeren übrigens! Mit diesem gibt es sogleich den ersten Stempel und damit auch kein Zurück mehr – das Zeitlimit läuft. Freiläufe knattern an jeder Ecke, um die Ecke hat Mavic ein Bike Camp, das sich gerade auf den Weg macht. Ja Leute, auch Frankreich hat seine Radsport Hotspots, und dieser ist definitiv einer davon. 

Wen wundert es denn?! Wir schmerzsuchendes lycratragendes Zweiradfolk fühlen uns nahezu zu magisch von Quälbergen wie diesem Prachtexemplar hier angezogen. Aufgrund der bombastischen Vorbereitung hatte ich mir einfach mal 5h pro Seite als Ziel gesteckt, immerhin wollten 137km und 4400hm bewältigt werden – Achtung Spoiler! Ich war deutlich Schneller 😛

An diesem schönen Tag im Mai waren viele Radler unterwegs, es herrschten mit +26°C perfekte Bedingungen für ein Bergfest der extra klasse. „Auf in den Berg“ rief ich mir zu und brummte davon. Schon bald sagte sich 34er Kettenblatt und 28er Ritzel „Hallo“ – für sehr sehr seeehr lange Zeit – Kinder entstammen dieser Romanze aber nicht 😀

Spannend zu beobachten waren zum einen die unzähligen Betreuer der anderen Bekloppten, die immer dasselbe taten. Fotos von ihren Liebsten schießen, „Allez Allez Allez“ rufen, winken, jubeln oder diese Tour de France Klimperdinger bis zum Anschlag stressen. Dann husch in die Karre steigen (hier viel mir auf, dass der Berg an diesem Tag fest in französischer und belgischer Hand war) und an der nächsten Haltebucht das Spektakel von vorne beginnen lassen. Leid verbindet, und in dieser Feststellung steckt enorm viel Wahrheit, wie ich feststellte. Denn auf einmal hatte ich mehr Unterstützer, als ich zum Start noch erwartet hatte. Versteht mich nicht falsch. Mental ist das schon ein großer Gewinn, zu wissen, dort oben steht deine Begleitung, versorgt dich mit allen netten Sachen. Doch letztlich ist jeder sympathische Wink oder Ruf willkommen, egal von wem. Hier sind wir übrigens an einer der schönen und romantischen Stellen des Radsports im Hobby-/Amateurbereich – man gehört ohne viele Worte zusammen. Und so zogen die Bergflöhe am Bergwalross vorbei. Was so viel bedeutet wie: „Die Kleinen und Leichten tanzten den Berggroove, während ich mich langsam aber sicher diese widerliche Steigung hinauf schob!“ 😀 

Stolz machte es mich dann schon ein wenig, als das „Bonne Courage“ eines Franzosen, der es für wichtig hielt seine Anerkennung in Worte zu packen, zu mir herüber hallte. Nach langen 20 Kilometern erreichte ich den Checkpoint der Fahrradultras – Chalet Reynard.

Ein kleines Plateau auf Höhe der Baumgrenze, bevor man in die Mondlandschaft eintaucht und nur noch grobes Gestein und Geröll rechts und links von sich abseits der Straße entdecken kann. Zurück zu Reynard, dort tummeln sich überwiegend Menschen, die mich für meine Größe, Gewicht und Style (kurze schwarze Socken, Team Sky Trikot obwohl Hobbyfahrer – hatet mich :D) belächeln, während ich überzeugt bin, dass diese Kameraden/Innen die Schönheit des Radsports noch immer nicht begreifen. Ein andermal mehr dazu. Diese Extremisten schauen einfach immer grimmig, grüßen nicht, fühlen sich in Stolz und Ehre gekränkt, wenn man deren Handzeichen nicht auf Anhieb versteht und führen in Summe wohl ein echt einsames und trauriges Dasein. Solche Kandidaten, die sich dann bei einem Jedermann Rennen bis aufs Blut bekriegen, um den besten Startplatz rangeln um nach 30km mit gleichermaßen gebrochenem Schlüsselbein und Carbonrahmen am Straßenrand zu sitzen, die Schuld beim anderen Fahrer suchen und auf das Crash Replacement des Herstellers hoffen.

Man tauscht am Checkpoint Ultra gleichzeitig Sonne gegen Wolken, spürt den Wind pfeifen und die Temperatur sinken – doch weiter, immer weiter! In aller Offenheit, es ging wirklich recht flott nach oben, nach 2:15h für den erst Anstieg – meine Begleitung war nur knapp vor mir da, baute sich der Funkturm vor mir auf. Ich war erstmal extrem mit Bedürfnisbefriedigung in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Hunger, Durst, kalt, frier…. Hunger… STEMPEL!!!???!!… Okay, ganz wichtig, sonst war die ganze Show für den Allerwertesten. Abgepackte Madeleines und Cola harmonierten wahrscheinlich nur aufgrund meines Zuckermangels so geil, das es mich beim Tippen dieses Satzes nur anekeln kann 😀 Stempel erhalten, Check! 

Ein sympathisches Frösteln erwischte mich mit voller Wucht und so musste ich mich erstmal mit so ziemlich allem einpacken, was mein Kofferraum her gab – von kurz/kurz zu Weichei mit Armlingen, Buff, Windstopperjacke, lange Handschuhe in 2 Minuten. 

Die Abfahrt nach Malaucène? Gesperrt für PKWs. Das heißt dann wohl, alleine im Tal zu Mittag essen und den nächste gemeinsamen Treffpunkt Sault mental fixieren. So stürzte ich mich alleine den Ventoux herunter. Keinen einzigen Funken verschwendete ich daran, dass ich genau hier gleich wieder hoch muss. Es rollte einfach so gut, dass ich mal wieder einen meiner süchtig machenden Adrenalin-Tempo-Trips erlebte. Nach knapp 25 Minuten war ich schon im Tal, sah aus wie ein Mondmensch (wir haben gerade über mein Outfit gesprochen 😉 und das haben mir die argwöhnischen Blicke der Passanten auch klar zu verstehen gegeben, dass es aussehen muss. Kurz darauf schnappte ich mir einen freien Tisch in einem der vielen Restaurants, aß die mit komfortablen Abstand schlechtesten Spaghetti (selbst die Kinderspaghetti im Maredo in Köln nach Rad am Ring waren besser) und redete mir die Lust ein, wieder den Berg hinauf zu fahren. Stempel erhalten, Check! Weiter!

Zweiter Anstieg des Tages. Optimistisch murmelte ich mir dann zusätzlich vor, es sei nur noch ein Anstieg danach. Wir wissen aber alle, dass sowas Augenwischerei ist. Ob es nun an der stechenden Mittagssonne, dem vollen Magen, einem fast 21km langen Anstieg, der mit knapp 10% Steigung am Stück auf 4km verteilten Ultrarampe oder meinem Körpergewicht (ich wette einen 10er auf die letzte Variante) lag – der Anstieg wollte verf***** sch**** nicht enden. Von dieser Seite wollten auch beträchtlich weniger Radler hinauf, mit Ausnahme eine e-Bike Truppe – ich realisierte erstmalig, warum ich bekloppt bin.

Auf dem Gipfel des Ventouxs angekommen kommt es mir in den Sinn „Einmal noch, da fehlt nicht mehr viel!“ Aber? Richtig! Anziehen. Es ist natürlich weiterhin schweinekalt da oben, ich friere und es zieht wie Hechtsuppe. Ich verpacke mich erneut in lecker verschwitzte und danach getrocknete Kleidung, um sie wieder voll zu schwitzen. Der Kiosk muss gestürmt werden. Die Mitarbeitern schaut mich schon ganz mitleidig an und fragt: „2nd oder 3rd time?“ Am Stolz gepackt murmele ich ein „2nd“ vor mir her und zahle das Festmahl, bestehend aus Madeleines und Cola. Rein mit dem Zeug und aufs Rad, Sault wartet. Aber halt! Stempel holen, Check! Jetzt aber weiter!

Man muss wissen (ihr könnt es auch an den Bildern und den Höhenprofilen erahnen), dass es nach Sault kein heißer Ritt ist, sondern eher Balsam für die geschundenen Beine. Da der Anstieg nicht extrem ist (im Mittel weniger als 5%), rollt es sich eben auch bergab mit angenehmer Geschwindigkeit, meine Herzfrequenz sagt sogar mal wieder in Zone 1 „hallo“, die Beine treten locker und die Muskeln befreien sich von der fleißig aufgebauten Laktatkruste. Angekommen in Sault bekomme ich den ersten Radler des Tages serviert, und den fucking Stempel bitte – Alkohol hilft doch gegen Schmerzen, oder? Leider bieten die Cafés dort nicht gerade eine reichliche Auswahl Speisen. Und etwas Herzhaftes zum Essen bleibt mit verwehrt – ist immerhin schon nach 16 Uhr, da ist die Küche in Frankreich geschlossen. Unser Kellner hatte sich ein Merde Allemad auf der Zunge, lächelte es aber weg. Meckern hilft nicht, noch einmal muss ich da hoch, dann ist es geschafft. Stempel holen, Check! Quatsch, gab‘ es doch schon beim Getränk, Benjamin, Konzentration! 

Also rolle ich durch blühende Lavendelfelder dem Berg ein letztes Mal entgegen. Was sich auch als recht entspannt erweist, bis es mich in einen Hungerast (ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob es wirklich ein solcher war, denn nach dem Essen ging es mir bedeutend besser, allerdings fühlte es sich widerlich an) zieht, der sich gewaschen hat. Zitternd wie ein Aal hilft mir hier meine Versorgung aus der Patsche – ein ganzes Baguette französischem Ausmaßes und ein Liter Cola. Weiter weiter weiter!

Das Ultras Closing des Tages habe ich wohl verpasst, sind alle schon im Feierabend, als ich ein letztes Mal bergauf am Chalet Reynard vorbei fuhr. Nun bahnen sich nur noch die ganz harten den Weg zum Gipfel, sprich Idealisten, Träumer, Kämpfer, Radler, Dicke, Dünne. 

Darf ich vorstellen, für den letzten Akt befindet sich in den Hauptrollen der unnachahmliche Mistral Wind, unterstützt von seinen unwiderstehlichen Kollegen Kälte und feuchter Nebel. Leute, mal im Ernst. Die Bedingungen waren einfach nur miserabel und die letzten Kilometer wirklich hart, doch auch diese gingen vorbei. So wie es immer vorbei geht, wenn man auf dem Bock sitzt und eigentlich absteigen möchte. Rechts einbiegen, ab in die Rampe, raus aus dem Sattel und die letzten 5-10hm hoch zum Funkturm – ANGEKOMMEN, Wuuuuuhuuuuuu!

Mit stolz zitternder Brust 😀 hole ich mir de vorletzten Stempel des Tages – merci. Sollte es mich auf der Abfahrt nach Bédoin nicht zerlegen, ist das Ding geritzt. Ein drittes und letztes Mal packe ich mich in die feinste Radklamotte für kalte Tage, arrangiert mit unwiderstehlichem Eau de 65km Bergauffahren und begebe mich auf den Sturzflug nach: Bédoin. 

Es ist geschafft! Nach unzähligen Stunden halte ich sehr glücklich und vor allem Stolz die Stempelkarte mit dem sechsten und letzten Stempel in der Hand – offiziell bin ich nun ein Cinglés, No. 12210. Das Abzeichen ziert nun die wunderbare Aufnahme von Philipp Hympendahl in meinem Wohnzimmer (siehe Bilder).

In Summe und heute (der Bericht wurde im Juli/August 2018 verfasst) mit etwas Abstand betrachtet war es ein nahezu magischer Tag. Eine Grenzerfahrung erster Güte. An und über seine Limits zu gehen und doch zu spüren, dass man es schaffen kann. Wer ernsthaft überlegt, den kahlen Riesen zu besteigen, macht es unbedingt!

Und um den Wahnsinn gleich mal perfekt zu machen – es gibt auch die Möglichkeit Galérien zu werden.

Bye bye, euer

Bergwalross

#bergwalross

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