Das erste MTB

Ich wollte also ein Fahrrad haben und dieses musstesolide 150kg überleben, dauerhaft. Nach einiger Recherche im Web bekam ich zum Glück einen Tipp für einen kleinen und beschaulichen Laden bei mir auf dem Land. So kam ich dank einer Empfehlung zu KM Bikesport

Die Beratung ist fair, nicht auf verkaufen um jeden Preis und auf das hochpreisige Produkt ausgelegt, sondern hier wird sich wirklich gekümmert. Sich mit meiner Größe auseinander und suchte eine passende Geometrie, diverse Probefahrten mit Modellen aus dem Laden folgten. Das Gewicht, eine nicht zu unterschätzende Und nachdem ich nochmal klar betont hatte, es kommt mir mehr auf Qualität an, als auf den schnellen Euro, war die Wahl auf das AMR2975 gefallen.

Rapha Festive 500

Der notwendige Wahnsinn

Was bedeutet eigentlich Rapha Festive 500? Nun, beginnen wir mal mit der Essenz. Im Jahr 2009 schwangen sich ein paar Jungs des damals sehr jungen Radsportbekleidungslabels Rapha auf, um zwischen Heilig Abend und Silvester ein paar Kilometer auf dem Rad wegzuhauen. Bei ein paar reden wir, wie es die Headline vermuten lässt, von 500km. Fröhliche Weihnachten.

Das Event sollte sich in den kommenden Jahren an kontinuierlich steigender Popularität erfreuen, und so dachte sich auch meine Wenigkeit, zum 10-jährigen Jubiläums dieses „Zwischen den Jahren“ Wahnsinns die Ehre zu geben.

Wir Radfahrer haben generell einen Hang zu Schmerz und Sadismus, was durch ewige Plackereien in den Bergen, Fahrten hart im Wind oder extreme Distanzen regelmäßig zum Ausdruck gebracht wird. Und für sich genommen ist die Aufgabe, 500km in acht Tagen abzuziehen, auch keine Heldentat, zumindest für jeden etwas geübteren unter uns. Doch wir sind in einer Jahreszeit, in der das Thermometer in den Breitengraden von Deutschland eher in Richtung 0°C tendiert, es spät hell und früh dunkel wird, und man, sofern durch den Sport sowieso nicht schon alle sozialen Kontakte verloren ;-), auch noch Familie gibt, die einen sehen möchte.

Alles Hupe. Wir fahren 500km ab dem 24.12. um 0 Uhr bis 31.12. um 23.59 Uhr. Strecke? – Egal! Anzahl der Fahrten? Egal! Verstand intakt? Egal!

Ladies and Gentlemen, lasset die Festive 500 Spiele des Jahres 2019 beginnen.

P.S. Für alle, die es versäumt hatten in den Kinderjahren das Seepferdchen zu machen und den Aufnäher zu bekommen. Als Belohnung gibt es einen Festive 500 Aufnäher im Briefmarken Format. Spätestens jetzt dürfte der letzte Skeptiker überzeugt sein, oder? 😀

Die gutgläubige Planung

Oktober 2019. Für mich ist die Entscheidung gefallen, dass ich fahren möchte. Somit sollte auch eine abwechslungsreiche Route her. Denn ich hatte keine große Lust, die 500km, die in etwa einem guten Monat meiner aktuellen Fahrleistungen entspricht, auf den üblichen verdächtigen Routen, abzuspulen. Erste Idee, den Rhein entlang bis Basel und zurück bis Baden-Baden fahren. Für diese Route konnte ich allerdings nach erster Sichtung und Suche nach Zwischenstationen keine wirkliche Begeisterung entwicklen. Meine Partnerin verdrehte schon die Augen, als die skizzierte Route nur ausgesprochen war. Und ihr wisst ja wie das ist. Hat man schon eine Partnerin, die diesen ganzen Radsport Wahnsinn nicht nur unterstützt, sondern fördert (ich sag‘ nur Park Tool Montageständer als Weihnachtsgeschenk 2019 ;-), muss man auch einen schönen Kompromiss finden. Also ab in die Tonne mit dem Plan. Komot erneut anschmeissen und überlegen.

Meine große Städteliebe ist seit vielen Jahren Düsseldorf. Und damit kristallisierte sich heraus, dass der Rhein als dankbare flache Route bis dort hin herhalten kann. Die Idee mit der Fahrt am Wasser werde ich noch böse bereuen, aber wir planen ja gerade noch die Route.

Folgendes #RaphaFestive500 Line Up wurde ausgetüftelt:
24./25.12. Ruhetage bzw. Feiertage mit den Liebsten, vielleicht etwas ZWIFT auf der Rolle, aber keine kalkulierten Kilometer zur Erreichung der 500km 
26.12. Juhöhe – Mörlenbach – Weinheim – Heidelberg – Mannheim – Ludwigshafen – Worms – Mainz – Wiesbaden = Distanz 136km
27.12. Wiesbaden – Bonn (auf der Seite der Loreley) – Düsseldorf = Distanz 227km
28.12. Düsseldorf – Koblenz = Distanz 137km
Ab 29.12. Glanz und Gloria

Ein guter Radfahrer ist neben seinem Wille auch immer ein bisschen die Summe seiner Ausrüstung. Männer (und Frauen), Hand aufs Herz. Lieben wir es nicht, große Touren zu planen und uns dann insgeheim zu überlegen, welches „Habe ich schon immer haben wollen“ Teil als Anschaffung damit gerechtfertigt werden kann? Genau, wir verstehen uns.

Fahrrad? Vorhanden. Schutzbleche? Wääääähhhhhh… Aber wirklich keine schlechte Idee. Ich fahre ja, wie bereits in einem anderen Artikel geschrieben, das Grail von Canyon. Und seit 2019 gibt es für dieses passende. Gekauft. Licht und GPS liegt seit gut zwei Jahren in den Händen von Garmin und funktioniert absolut fehlerfrei. Kleidung? Ich zitiere hier einen bekannten aus Koblenz, der einmal den Satz „Style is alll!“ prägte 😉 Rapha hat sich bestimmt gefreut.

Ich bin gerüstet, der 26.12. kann kommen.

Eine chaotische Umsetzung

26.12. | Mach die Karre voll und fahr‘ endlich los
An mir befinden sich Arm- und Beinlinge, Radhose, Trikot, Jacke, Base Layer, Pulsgurt, Handschuhe, Thermosturmhaube, Füßlinge, Sonnenbrille. In meiner Karre ein Satz Wechsel LRS, Luftpumpe, ein bisschen Reparatur Schnick-Schnack, Wechselwäsche, Essen, Tee. Mein Fahrrad (+ reflektierende Kleidung) stiehlt mit seinen Lichtquellen jedem motorisierten Gefährt die Show, ohne den üblichen Schick der Kleidungder ortsansässigen Entsorgungsbetriebe ihrer Mitarbeiter zu versprühen – Stichwort „Style is all“ 😉

Dank meiner exponierten Wohnlage geht es, ganz egal wo ich hinfahre, erstmal 300hm bergab. Und ich friere mir direkt mal den Wolf bei +1°C und wolkenverhangenem Himmel. Auf dem Weg in Richtung Weinheim begrüßt mich die Weschnitz, ein kleiner Fluss entlang der Straße. Und diese macht mir direkt klar, wie dumm es von mir war, mehrere hundert Kilometer in den nächsten Tagen am Wasser zu fahren. Bis Heidelberg entlang der B3 gestaltet sich die Fahrt recht unspektakulär. Ich überlege mir, dass eine Plakette/Starterschild (wie ich es vom am Mont Ventoux hatte) an der Sattelstütze gut für die Moral wäre, um gleichgesinnte Wahnsinnge besser zu identifizieren. Bisweilen behelfe ich mir damit, dass nahezu jeder komplett eingepackte Radler, der aussieht wie nach einem Banküberfall flüchtend, bestimmt auch Kilometer um Kilometer frisst, alles für einen Aufnäher…

Zwischen Heidelberg und Mannheim schickt mich Komot dann direkt mal auf einen SINGLE TRAIL 😀 Was ist bitte hier passiert. Trotz Routenvorgabe Rennrad finde ich mich im tiefsten Matsch wieder, weshalb geistig Clean Parks in meinen weiteren Routenverlauf Einzug halten werden. In Mannheim am Hauptbahnhof und generell in dieser Stadt merke ich einmal wieder, wie sehr Deutschland ein Autovolk ist. Radweg zu Ende wegen Baustelle. Umleitung? Hämisches Lachen bei der Stadtverwaltung. Sollen die Idioten auf ihren Zweirädern doch zusehen. Ich habe mich gefragt, wann zu letzt eine Straßensperrung ohne kirmesähnliche Beleuchtung, gefühlt mit 1000 Hinweisen und Umleitungsschildern für Autos dekoriert, eingerichtet wurde. Einatmen, ausatmen und sich weiter von halbstarken in ihren schönen und hochmotorisierten Kisten schneiden oder mit zu wenig Abstand überholen lassen.

Kurzer Einschub: Versteht mich nicht falsch. Mein Herz schlägt auch für Autos. Ich kann mich monatelang mit einer Kaufentscheidung für ein Auto beschäftigen, ziemlich jedes Video bei „Fahrdoch“ schauen. Und bin als Radfahrer mit meinem Kodiaq auch der Marke treu, die den Radsport supported. Doch diese Jungs, die ihre 600 PS Kisten in der Stadt im Kreis fahren, die Motoren auf Anschlag drehen und sich gleichzeitig benehmen, wie John Rambo, sind mir suspekt. Habe mich auch schon gefragt, ob jedes PS symbolisch für 1 Sekunde Sauerstoffentzug bei der Geburt steht und die davon geschädigte Gehirnhälfte deren Verhalten Im Straßenverkehr erklärt?! 😉 Egal.

Über Ludwigshafen fahre ich entlang der BASF in Richtung Worms. Dieser Teil der Route macht Spaß und ich habe den Rhein Radweg sehr lange unter den Reifen. In Worms versorge ich mich mit dem Nötigsten. CLIFBAR Bloks sind zwar richtig geil, hängen aber auch mir irgendwann zum Hals heraus. Tee, Cola Zero, Packung Nic Nacs, Wunderbar Riegel. Es ist mittlerweile dunkel geworden und bis Wiesbaden noch rund 56km. Ich habe schon jetzt keine Lust mehr und merke auch, wie es mir von innen heraus trotz Tee in der Tankstelle kalt wird. Die gesamte restliche Strecke führt quasi entlang der B9 – durchhalten ist angesagt. Man passiert viele kleine schöne Ortschaften. Durch die Feiertage ist es einfach seelenruhig, man registriert liebevoll dekorierte und schön leuchtende Häuser, Menschen in Jogginghosen, die ihren heiligen 2.ter Weihnachtsfeiertag-Sofa-Abend-Döner nach Hause holen, vereinzelte Fahrradfahrer auf dem Heimweg. Es wirkt friedlich, ja sogar ruhig. Ich empfinde in diesem Moment eine gewissen Entschleunigung. Mein Blick wandert langsam zwischen den Ausseneindrücken und dem vorgegebenen Fokus durch den Lichtkegel meiner Frontlampe hin und her.

Mainz-Kastel, die letzten 5km brechen an. Ich friere am ganzen Körper und freue mich nur noch auf eine heiße Dusche und eine große Schüssel Pasta, doch Komot nimmt mich nochmal hart ran. Jetzt „lings auf singel drail“ abbiegen. Abgesehen von den deutlichen Defiziten in der Aussprache von englischen Worten fahre ich auf einmal auf einer matschigen Wiese ganz in der Nähe der Siedlung„Fort Biehler“. Notiz an mich: Komot ab jetzt nur noch als Empfehlung betrachten, und die Navi Ansagen nicht als Gott gegeben werten. Doch mit etwas Menschenverstand findet man die Straßewieder und ich rolle durchmeinen ehemaligen Arbeitsort Erbenheim nach Wiesbaden zum Hotel. Geschafft. 

Abendessen – gute Nacht!

27.12. | Der Geist ist willig aber das Fleisch ist schwach
Um sieben Uhr klingelt planmäßig der erste Wecker, meine Partnerin arbeitet an diesem Tag und muss ebenfalls früh raus. Ich eigentlich auch. Es stehen über 200km auf dem Plan. Und ich merke, dass nichts geht. Ich bin extrem müde, meine Augen fühlen sich geschwollen, mein Körper sich generell übersäuert an. Die Beine ziehen und auch die Kopfschmerzen machen deutlich, dass mein Körper eine klare Vorstellung hat, was heute passieren soll – NICHTS! Ich hadere mit mir und schlafe letztlich weiter bis 9.30 Uhr. Diese knapp 2,5h haben mir geholfen. Umziehen für das Frühstück. Stand jetzt bin ich noch immer der Meinung, garnicht zu fahren, doch mit etwas Essen im Bauch und ein paar Gedanken für einen schönen Jahresabschluss verbessert sich meine Verfassung nochmal merklich. Komot raus. Wohin fahre ich noch heute? Düsseldorf ist zweifellos raus, zu weit. Köln…? Bonn…? Irgendwo, wo ich einen Clean Park finde. 😀 Ich peile Bonn-Beuel an. Im Anschluss an das Frühstück packe ich meine Sachen zusammen und es geht weiter. Die ersten Kilometer rolle ich durch das schöne Wiesbaden bis zum Stadtteil Biebrich an den Rhein. Der Rhein sollte neben den Radwegen mein ständiger Begleiter werden. Eltville, Rüdesheim, Asmannshausen usw… In den Dörfern entlang des Rheins sind immer wieder Spaziergänger unterwegs, Wildgänse suchen nach Futter und der Rudelführer wacht dabei über die Herde. Ich werde kritisch beim Herannahen und Passieren beäugt, aber alles ist friedlich und entspannt – ein wirklich schöner Eindruck. Radler sehe ich wiederum kaum und wenn doch, dann erwecken Sie eher den Anschein von Pendlern oder Freizeitradlern. Den kalten und permanenten Gegenwind spüre ich dauerhaft im Gesicht, das Wetter ist weiterhin wolkenverhangen, aber zum Glück trocken! Obwohl es in der Nacht noch spürbar regnete.

Ich frage mich mehrfach, was dieser gebrauchte Tag heute noch bringen soll. Unfit, zu spät losgekommen. Das Ankunftsziel schon seit dem Losfahren kassiert und eigentlich steht nur noch die Frage im Raum, ob ich an diesem Tag wenigstens 200km Gesamtdistanz schaffe. Letztlich ist der innere Schweinehund immer der größere Gegner. Natürlich schmerzen Beine gerne, ziehen und oder krampfen, doch die Spielchen, die mein Kopf gerne spielt, empfinde ich als deutlich anstrengender. Gegen 14 Uhr klingelt mein Telefon. „Ich bin bald in Koblenz, Herr Höfle. Wo bist du?“ Mein Lichtblick erscheint in Form der Stimme meiner Partnerin. Hinzu baut sich auf einmal der rund 400m hohe Funkturm im Mittelrheintal auf, der ganz in der Nähe von Koblenz steht. Neue Euphorie macht sich breit, wir verabreden uns bei einem lokalen Bäcker zwecks weiterer Lagebesprechung.

Ich stehe ja generell sehr auf die Bäcker im Rheinland, denn sie backen A) mega leckere Brötchen und B) gibt es fast nirgends besseren Streuselkuchen in Massenqualität. Nach etwa 10 Minuten in der Bäckerei spielt mein Körper mit mir wieder das übliche Spiel – zittern und frieren. Die Stunden im Freien sind einfach bitterkalt und durch die Luftfeuchtigkeit am Wasser gefühlt noch unangenehmer als sonst. Letztlich beschließen wir eine Umplanung der Route. Neuer Checkpoint ist Neuwied bei Kilometer 243 von 500.

Von dort aus geht es weiter nach Düsseldorf ins Hotel. Abendessen, schlafen und ein bisschen die Aussicht im zwölften Stock genießen.

28.12. | Gegen die Uhr
Imaginäre Fanfaren erklingen beim aufwachen, ich fühle mich großartig. Der Tag kann nur gut werden. Der Plan ist die Weiterfahrt bis Koblenz. Aufgrund von einer privaten Veranstaltung am Abend ist klar, dass ich um spätestens 15 Uhr vom Sattel herunter muss. Idealerweise in der Nähe eines McFits, um direkt unter die Dusche zu hüpfen und im Anschluss weiter nach Mannheim zu fahren. Die Route von Düsseldorf nach Koblenz entlang des Rheins (in dieser Fahrtrichtung rechts-rheinig) ist wunderschön, was vermutlich dem kalten und doch überwiegend sonnigen Wetter geschuldet war. Auf Straßen und Feldern war ganz deutlich Reiff zu erkennen und ja, natürlich war es auch an diesem Tag sehr kalt.

Von Düsseldorf über Dormagen bis Köln wechselt der Radweg zwischen Passagen direkt am Rhein entlang und solchen in den Ortschaften, bis ich irgendwann auf den Radweg auf dem Damm bis ans Kölner Rheinufer stoße. Hier wird es voller, kleinere Radgruppen von ortsansässigen Clubs begegnen mir das erste Mal seit Tagen und es fühlt sich gut an, nicht nur in den Listen von Strava die aktiven Radler zu sehen, sondern auch im realen Leben mit ihnen für das gleiche Ziel in die Pedale zu treten. Es zeichnet sich aber auch ab, dass meine Planung generell zu ambitioniert war. Das Ziel, Koblenz, kassiere ich in Köln. Neuer Endpunkt wird Bonn werden. Bis ich dort ankomme, sehe ich wieder dutzende Tiere, Familien und Sportler – es ist einfach schön zu sehen, in welcher Ruhe hier alles miteinander einhergeht. In Bonn entscheide ich mich, eine kleine Ehrenrunde zu drehen, sprich bis zur Brücke nach Beuel, über die Straße, vorbei an den Neubauten des Bonner Bogens und am Rhein entlang zurück. Es ist sonnig, es ist einfach wunderschön und ich erfreue mich an dem Umstand, dass ich heute knapp 96km auf das Konto bekomme.

29.12. | Die „20km“ Runde
Hätte, hätte, Fahrradkette – denn nach ursprünglicher Planung sollte heute schon Glanz und Gloria anstelle von 150km verbleibender Distanz auf der Agenda stehen. Hilft aber alles nichts. Einer privaten Verabredung zum Frühstück im neu angelegten Osten von Frankfurt komme ich trotzdem noch. Sport ist wichtig, Freunde allerdings auch. Ein entspannter Vormittag/Mittag/Nachmittag geht zu Ende und ich habe eigentlich keine Lust mehr, auf das Fahrrad zu steigen. Zum allgegenwärtigen Musikelziepen kommt eine gereizte Haut am Hinterteil dazu und zwei Finger sind etwas taub. Zurück in meiner Heimat entschließe ich mich, wenigstens eine 20km Runde auf dem Fully du drehen. Diese Entscheidung hatte in mehrfacher Hinsicht positive Aspekte. Die veränderte Sitzposition fühlte sich angenehm an, mein Hintern dankte dem deutlichen gestiegenen Federungskomfort im Vergleich zum Gravelbike. Ja – und mein Kopf sagte mir, fahr doch länger, macht doch gerade Spaß.

Aus den besagten 20km wurden insgesamt 50km. Eine recht unspektakuläre Route in meiner Heimat zwischen Weschnitztal und Bergstraße. Doch dankbar zum Kilometer sammeln. Trotz Minustemperaturen und wirklich später Fahrt von 17-20 Uhr.

Beim Abendessen – PASAT 😀 – spreche ich mit meiner Partnerin über die letzte Runde. Fahre ich über den Odenwald an den Neckar bis Heidelberg, im Ried oder nach Karlsruhe? Nachdem ich erst naserümpfend ihren Vorschlag abtat, die B3 stumpf entlang zu ballern, bis der Kilometerzähler auf 50km springt, auf dem Absatz kehrt zu machen, und wieder zurück zu fahren, erschien es mir doch mit etwas Nachdenken als dankbare letzte Etappe. 

30.12. | Stumpf geballert und trotzdem glücklich 
Mörlenbach – Weinheim – Darmstadt und zurück – fertig. Wer die Bergstraße und ihre B3 kennt, ist sicher schon die schönen Radwege gefahren. Eine recht flache und gut ausgebaute Route, die lediglich von einer Baustelle in Zwingenberg auf Kopfsteinpflaster umgelenkt wird. Der Bereich der „alten“ B3 entlang von Jugenheim, Seeheim, Malchen usw. ist ruhig zu fahren. Eberstadt und Darmstadt lassen mich doch in schöner Regelmäßigkeit die Luft anhalten, denn in ersterem Stadtteil muss man höllisch auf die in die Fahrspur integrierten Straßenbahngleise aufpassen, während Darmstadt für mein empfinden extrem unfreundlich für Radfahrer erschlossen ist.

Auf dem Rückweg lege ich nochmal einen Stopp beim Bäcker ein, Tee, Laugenkringel und Neujahrsweck. MEGA 🙂

Auf den letzten Kilometern gibt die Sonne langsam der hereinbrechenden Dämmerung nach und ich rolle den Weschnitztalrad in Richtung zu Hause.

Ich habe es tatsächlich geschafft, die 500km zu absolvieren. 

Dankeschön für‘s dabei sein!

#RaphaFestive500

ÖTZTALER Radmarathon

Welcher Traum?

Der Ötztaler Radmarathon, seines Zeichens im Jahr 2018 in der 38. Edition der unendlichen Qualen sollte einiges bereit halten, um uns das Leben schwer zu machen – versprochen. Heute mal der etwas andere Rennreport von mir…

ZDF – Zahlen Daten Fakten…

4.112 Fahrerinnen und Fahrer aus 36 Nationen

Start 6:45 Uhr in Sölden (siehe Maps) und letzter Kontrollpunkt um 19:30 Uhr auf dem Timmelsoch

VIER Alpenpässe an einem Tag:

Kühtai – Brenner – Jaufenpassen – Timmelsjoch

5.500hm – 238km

Start / Ziel

Gestartet wird das Rennen überaus pünktlich mit einem nicht zu überhörenden Schuss aus einer Kanone, anno mindestens 17x so alt wie ich :D.

Ankunft bzw. der Zieleinlauf ist quasi sofort vor der Freizeitarena Sölden, in der auch Duschen und die Pasta Party auf die Fahrer warten.

Dazwischen gibt es unzählige Verpflegungsstationen, liebevolle und hoch motivierte Helfer/Innen und ein einmaliges Erlebnis on top!

Ankunft bzw. der Zieleinlauf ist quasi sofort vor der Freizeitarena Sölden, in der auch Duschen und die Pasta Party auf die Fahrer warten.

Dazwischen gibt es unzählige Verpflegungsstationen, liebevolle und hoch motivierte Helfer/Innen und ein einmaliges Erlebnis on top!

Pre Race

Mein Mac macht „bim“… und wir schreiben den 08. März 2018… Die Saison ist noch jung, besser gesagt nicht einmal geschlüpft.  Beruflich fühlt sich jeder Tag an, als ob ich mit einem Schlauchboot über den Atlantik muss. Und dann ist da diese Email, die aus der Perspektive von Mitte September doch sehr viel verändern sollte. „Hallo Benjamin, aufgrund der Sonderregelung….“ Ihr ahnt es schon…

Endlich habe ich einen Startplatz für den Ötzi. Nach langem warten, sehr langem warten. Kurze Rückblende hier. erstmalig habe ich mich für den Ötztaler 2015 angemeldet und bin seitdem immer krachend am Losglück gescheitert. Jedes Jahr diese Ernüchterung, wieder nicht mitradeln zu können… Ihr kennt das. Im ersten Moment fühlt es sich dann etwas surreal an, denn auf was wartet man denn bitte heute noch vier Jahre lang – in Zeiten von Same Day Delivery und sonstigen Dingen. Und einmal abgesehen von Küken, die gerade 14 Jahre alt sind und 18 werden möchten 😀

Startplatz hatte ich also. Fehlt ja nur noch Form und Unterkunft! Diese hatte ich allerdings schon bei der Registrierung zur Verlosung gebucht.  Eine kleine Pension direkt am Hang mit wunderschönem Blick über das Tal. Ronny und seine Mum betreiben da wirklich ein echtes Schmuckstück. Wen es interessiert, klickt hier.

Mussten also nur noch die Beine her, um Berge zu bezwingen. 2018 plätscherte los. Auf den Rennabbruch der Mallorca 312 nach 100km hinter Valldemossa im April folgte im Mai der gladiatorenhafte Kampf zwischen dem Champion Mont Ventoux und seinem Herausforderer Bergwalross – mit viel Mühe habe ich die Stempel gesammelt. Und darf mich mit Stolz Cinglés nennen (zum Bericht geht es hier entlang: Klick). Der Juni war rheinisch. Rund um Köln, ein sehr schönes und top organisiertes Rennen, dass aber wirklich nichts nennenswertes für die Bergperformance beiträgt, wurde absolviert und natürlich viele Trainingskilometer auf dem Rennrad oder Spinnig Bike. Rad am Ring im Juli sollte eine glorreiche Generalprobe über 150km in der Grünen Hölle werden, war dann aber doch – nach Hagel und schwülen Bedingungen – eine Enttäuschung.

Hilft alles nichts. Genug trainiert hatte ich für mein Verständnis trotzdem, fahren wir nach Sölden.

Salden ist in der Zeit rund um den Ötztaler sowas von auf Bike, dass man es kaum glauben kann. Hier leben rund 3.000 Menschen, die von über 4.000 Lycra Zombies überfallen werden. Und die Menschen vor Ort wickeln dies in einer Ruhe, mit einer Freundlichkeit und Sympathie ab, die ich beachtlich finde. Die Straßen sind voll mit Rädern, Fahrern, Begleitungen der Fahrerinnen und Fahrer, die Shops stehen auf SALE, in der Freizeitarena meldet man sich. Der Takt in Sölden wird in diesen Tagen in Trittfrequenz gemessen.

Race

folgt..

After Race

folgt..

Das erste Gravel Bike

Ein Hirsch und ein Walross – seltenes Aufeinandertreffen zweier seltener Exemplare…

28.03.2018 – in meiner rechten Hand befindet sich die eine Maus aus Glas, vor mir flimmern auf 27 Zoll gekörnte Aufnahmen von Wäldern und Rädern… Mit dem linken Zeigefinger tippe ich bei Anzahl der Flaschenhalter eine zwei ein und bestelle. Was ich hier mache? Canyons neusten Streich, das Grail bestellen und entgegen aller Meinungen glücklich werden. Dazu später mehr. Besprechen wir erstmal die Lage der Nation zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Das Grail CF ist die (eigenwillige) Koblenzer Interpretation von Gravel. Und um zu verstehen, warum es diesen Bericht gibt, gehen wir noch ein paar Tage weiter zurück.

Einmal mehr hatte einer dieser heldenhaften Piloten von motorisierten Vierrädern meiner Radausfahrt ein schnelles und jähes Ende bereitet, in dem ich mich kurzerhand auf einem leuchtend rot gepinselten Radweg wieder fand. Rad kaputt, Mensch ganz, also ist doch klar, was nun kommt. Ein neues Rad musste her. Der werte Herr Autofahrer hatte ganz einfach eindeutig mehr McDonalds als StVO im Kopf 😉

In der Schlacht verloren gegangen waren also ein Helm und ein Endurace AL 6.0 – mein treuer Begleiter für die Wintertage. Anderer Ort, ein paar Tage früher. Canyon stellt das Gravelbike Grail am 15.03. vor und wird direkt mal bis auf Anschlag von der Web-Fahrradgemeinde gebashed, gesteinigt und nach dem teeren gefedert und nochmal geteert und nochmal gefedert. Was bitte war hier passiert? 

Man muss sich einfach folgendes vorstellen. Ein Rennrad mit Scheibenbremsen und völlig neu gedachtem und exotischem Lenkerkonzept wurde entworfen, einer daraus resultierenden besonderen Geometrie des Rahmens, irgendwo zwischen Komfortmodellen und Look Rahmen Optik gebaut, dass sich auf der Straße als auch unbefestigten Feldwegen, Schotter und sanften Trails wohl fühlt. Die carbongewordene Singularität für alle Realitätsverweiger, Früher-war-alles-besser-Sager und Rückwärtsgewandte. Oder wie man sie (in erschreckend hohem Maße) auch nennen kann: Rennradfahrer.

Es flackert öfter in meinen Beiträgen auf, doch immer wenn ich glaube, es ist mal gut, kommt da eine neue Stufe der Eskalation. So auch hier. Das Teil war frisch vorgestellt, somit nur auf Fotos zu begutachten und sicherlich von jedem selbsternannten Velo-Experten hunderte Kilometer getestet -ha ha-, da gab es schon zig Meinungen im Web.

Geometrie hier sinnlos da zu gestreckt mimimi, Lenker sieht sch**** aus und bringt bestimmt nix, auffallen um jeden Preis, doofes Canyon, machen die nur aus Marketing Gründen usw. Es folgten unmittelbar Photoshop Battles, die den Lenker kurzerhand zum Heizkörper, Blumenkastenhalter und anderen Dingen machten. Doch es war aus objektiver Sicht eines schnell klar. Die Innovationsverweiger dominieren die Meinung über das Bike. Das machte mich per se schon neugierig. Denn üblicherweise schreien etablierte nur im Fall von echter Konkurrenz besonders laut.

Kommen wir also zurück zur Eingangssequenz. Mein altes Rad war Schrott, sprich ein neues musste her. Es sollte ein Canyon sein, es sollte maximal flexibel sein, was den Untergrund betrifft, und natürlich Spaß machen – Order complete. Ich bestelle das Teil kurzerhand in 2XL. Canyon hat aus meiner Sicht bisher Features immer der Sache geschuldet sonderbar gestaltet (Stichwort Inflite Knick), der Preis ist wie immer fair, große Rahmen haben sie Jungs sowieso. Und sie trauen sich auch mal mit 120kg Rahmengewichtsfreigabe ums Eck. 

Im Mai holte ich das Rad vor Ort ab und möchte nun ein paar subjektive Worte zum Fahrverhalten sagen. Das Rad betreibe ich mit zwei LRS, jeweils der C1800 Spline 23 Serie von DT Swiss. Einmal mit Standard Schwalbe One Bite Bereifung ab Werk und ein weiterer mit Conti 4 Season in 32mm breite.

Hieraus ergibt sich für Urlaube eine phantastische Kombination, mit dem Rad schnell auf der Straße und auch schnell im Gelände zu sein. Der berühmte Lenker fasst sich nicht nur angenehm, durch die Erhöhung ermöglicht er in der typischen Oberlenkerhaltung auch eine aufrechtere Sitzposition. Die Laufruhe des Rades macht es ohne weiteres möglich, diese Griffposition auch beizubehalten, wenn der Untergrund lose wird. Und dort spürt man den berühmten Flex. Schläge dämpft eine Konstruktion dieser Art natürlich nicht weg, doch reduziert Sie die Vibrationen auf ein kaum spürbares Mindestmaß. Wird es zu ruppig, ab in den Unterlenker. Durch die konstruktionsbedingte Unterbrechung im Bügel umgreift man sozusagen mit dem Daumen über der Strebe und den Fingern darunter. Es fühlt sich an, als ob man sich im Rad vergreift und gibt einem mehr das Gefühl, mit dem Rad verbunden zu sein. Nebenbei ist der Lenker Blocksteif und eignet sich für harte Antritte oder ziehen beim Ortsschildsprint. Das Grail ist daneben ein äußerst bequemes Rad, welches hier und dort durch Flex besticht, obwohl ich gerade bei der Sattelstütze auf eine 400er aus Alu zurückgreife. Ebenfalls kann ich den Fizik Sättel nicht bewerten, da ich einen SQLab 612 fahre. 

Kritikpunkte? Die Lackierung empfinde ich als extrem anfällig für ein Rad, dass seine Bestimmung im Wald und Off Track sucht.

Eisdielenfaktor?

Es ist preislich das günstige Rad meiner drei und hat den größten Aha Faktor. Insbesondere viele nicht Radler sprechen mich sehr häufig auf das Design, auch wenn man im Wald unterwegs ist. Jüngere finden es einfach nur „geil“. Naja, und ich habe den perfekten Ganzjahresbegleiter gefunden, mit dem ich auch den Ötztaler 2018 gefahren und gefinished haben.

Alltagsnutzen?

Die Runde zum Fitnessstudio für die Krafteinheit über Landstraße, Feldweg und Sand? Schnell mal zum Bäcker? Sonntags zwei Stunden im Wald spielen? Bei Schnee auf die Straße? Im Urlaub nicht genau wissen wie die Straßen sind und trotzdem radeln wollen? Mit einem Bike dieser Gattung kann euch das künftig egal sein, sondern ihr radelt einfach drauf los.

Ich mag Gravel Bikes gerne, und das Grail macht seine Sache wirklich toll..

Ciao, euer

Bergwalross

Mont Ventoux

A Day in the merde…

A day in the merde…

Ganz genau! Der Titel ist schlimmstes Frenglisch, zusätzlich einem recht witzigen Buch entliehen, welches den Titel „A Year in the Merde“ trägt und sich auf sehr unterhaltsame Art mit einem Engländer in Paris auseinandersetzt – Buchtipp!

Nun bin ich aber, wie ihr wisst, kein Engländer, sondern halb Deutscher und halb Niederländer. Merde war es trotzdem, und die Handlung spielt in Frankreich. Passt also doch, so irgendwie – gefällt mir.

Was ich dort gemacht habe? Ein schönes verlängertes Wochenende verbracht. Wo genau? An der Grenze zwischen Provence und Côte d‘Azur – Mazan, ca. zehn Kilometer von Bédoin entfernt sollte die Basis sein. Haben die ersten Synapsen schon gezuckt? Richtig, es ist einer DER drei Startpunkte zum sagenumwobenen, ja sogar mythischen, Mont Ventoux.

Aber erstmal zurück auf Los. Manche Menschen, so sagt man ;-), müssen einen Baum pflanzen, ein Haus bauen usw. Ja, und ein Radfahrer mit Rennrad Passion muss wohl diesen Berg hoch… fahren… laufen… laufend weinen… schieben… whatever. Mit dem Gedanken für dieses Vorhaben trug ich mich schon seit einem längeren Zeitraum und 2018 sollte es endlich soweit sein. 

Die vorangegangenen Recherchen im Herbst und Winter 17/18 förderten eher zufällig den Club des Cinglés du Mont-Ventoux zu Tage. Club was? Okay, fasse die Übersetzung einmal in meinen Worten mit Hilfe von Google Übersetzer als Club der Bekloppten vom Mont Ventoux zusammen. Vetos gerne via PN ;-). Alle Cinglés Anwärter eint der Wille, diesen Berg zu erklimmen, aber natürlich ist einmal nicht genug. Als ob der Gipfel mit seinen 1912 Höhenmetern für sich genommen nicht hoch genug ist, wollen diese Bekloppten (zu dieser Gattung dürft ihr mich zählen) mindestens drei Mal dort hoch. Die Besteigung via Straße von allen Dörfern, Bédoin – Malaucène – Sault, am Fuß des Ventoux. Innerhalb eines Kalendertages, NATÜRLICH! Weitere Fragen? Dachte ich mir schon 😉 

Für 20 Euro die Stempelkarte bestellt online bestellt, neben dieser ein Startnummernschild für den Rahmen/Sattelrohr dazu bekommen und fertig war der Lack. Auf geht’s am 10.05.2018, 900km mit einem overnight stop (Beaune) mit der Karre abspulen und an der Berg-Hölle ankommen.

Angekommen ist das richtige Stichwort. Der kahle Riese, wie ihn die Ortsansässigen ehrfürchtig nennen, ist derart imposant und auf eine gewisse Art auch furchteinflößend, dass der Respekt schnell in die Beine steigt. Die Umgebung ist paradoxerweise extrem schön. Ländliche verschlafene Idylle trifft Weinbau, kleine Dörfer, mildes Klima, uralte liebevoll Instand gehaltene Häuser und Höfe sowie jede Menge Lavendel. 

Doch genau in diesem Sinnieren tut es diesen einen Schlag und der Berg brennt sich beim Schweifen lassen des Blickes mit ganzer Wucht in die Augen ein. Nicht ein spitz zulaufend Gipfel, sondern eine massive, schier nicht endende Wulst aus Stein erstreckt sich kilometerbreit in die Landschaft, dekoriert mit einem Funkturm, sogar eine im Mai noch immer von Schnee pudergezuckerte Spitze blitzt hervor. 

Der Berg ruft: Überlege dir gut, was du hier erreichen willst. Ich lasse keine Gnade mit dir walten, im Willen brechen bin ich Profi.

Okay… wenn ich ja schon mal da war, und diese Stempelkarte hatte… konnte ich auch nicht kneifen. Mit so ziemlich allen gegenteiligen Zutaten einer Top Vorbereitung machte ich mich auch, dass Teil mal locker aus der Hüfte zu bezwingen. Bin ja ein Cinglés, fast… also so gut wie… nicht… will es besser gesagt werden. Mein Material (der Storck Renner) und solche Faxen kennt ihr alle, daher gehe ich nicht mehr weiter darauf ein. Nur zum Thema Kleidung komme ich später noch des Öfteren. Und für die Nerds. Ich startete die Challenge mit 50/34 Kurbel und 11/28 Kassette, letzteres sollte ich böse bereuen!

Morgens halb neun in Bédoin. Die ortsansässigen Bars und Cafés haben schon geöffnet, schenken Espresso aus – sehr leckeren übrigens! Mit diesem gibt es sogleich den ersten Stempel und damit auch kein Zurück mehr – das Zeitlimit läuft. Freiläufe knattern an jeder Ecke, um die Ecke hat Mavic ein Bike Camp, das sich gerade auf den Weg macht. Ja Leute, auch Frankreich hat seine Radsport Hotspots, und dieser ist definitiv einer davon. 

Wen wundert es denn?! Wir schmerzsuchendes lycratragendes Zweiradfolk fühlen uns nahezu zu magisch von Quälbergen wie diesem Prachtexemplar hier angezogen. Aufgrund der bombastischen Vorbereitung hatte ich mir einfach mal 5h pro Seite als Ziel gesteckt, immerhin wollten 137km und 4400hm bewältigt werden – Achtung Spoiler! Ich war deutlich Schneller 😛

An diesem schönen Tag im Mai waren viele Radler unterwegs, es herrschten mit +26°C perfekte Bedingungen für ein Bergfest der extra klasse. „Auf in den Berg“ rief ich mir zu und brummte davon. Schon bald sagte sich 34er Kettenblatt und 28er Ritzel „Hallo“ – für sehr sehr seeehr lange Zeit – Kinder entstammen dieser Romanze aber nicht 😀

Spannend zu beobachten waren zum einen die unzähligen Betreuer der anderen Bekloppten, die immer dasselbe taten. Fotos von ihren Liebsten schießen, „Allez Allez Allez“ rufen, winken, jubeln oder diese Tour de France Klimperdinger bis zum Anschlag stressen. Dann husch in die Karre steigen (hier viel mir auf, dass der Berg an diesem Tag fest in französischer und belgischer Hand war) und an der nächsten Haltebucht das Spektakel von vorne beginnen lassen. Leid verbindet, und in dieser Feststellung steckt enorm viel Wahrheit, wie ich feststellte. Denn auf einmal hatte ich mehr Unterstützer, als ich zum Start noch erwartet hatte. Versteht mich nicht falsch. Mental ist das schon ein großer Gewinn, zu wissen, dort oben steht deine Begleitung, versorgt dich mit allen netten Sachen. Doch letztlich ist jeder sympathische Wink oder Ruf willkommen, egal von wem. Hier sind wir übrigens an einer der schönen und romantischen Stellen des Radsports im Hobby-/Amateurbereich – man gehört ohne viele Worte zusammen. Und so zogen die Bergflöhe am Bergwalross vorbei. Was so viel bedeutet wie: „Die Kleinen und Leichten tanzten den Berggroove, während ich mich langsam aber sicher diese widerliche Steigung hinauf schob!“ 😀 

Stolz machte es mich dann schon ein wenig, als das „Bonne Courage“ eines Franzosen, der es für wichtig hielt seine Anerkennung in Worte zu packen, zu mir herüber hallte. Nach langen 20 Kilometern erreichte ich den Checkpoint der Fahrradultras – Chalet Reynard.

Ein kleines Plateau auf Höhe der Baumgrenze, bevor man in die Mondlandschaft eintaucht und nur noch grobes Gestein und Geröll rechts und links von sich abseits der Straße entdecken kann. Zurück zu Reynard, dort tummeln sich überwiegend Menschen, die mich für meine Größe, Gewicht und Style (kurze schwarze Socken, Team Sky Trikot obwohl Hobbyfahrer – hatet mich :D) belächeln, während ich überzeugt bin, dass diese Kameraden/Innen die Schönheit des Radsports noch immer nicht begreifen. Ein andermal mehr dazu. Diese Extremisten schauen einfach immer grimmig, grüßen nicht, fühlen sich in Stolz und Ehre gekränkt, wenn man deren Handzeichen nicht auf Anhieb versteht und führen in Summe wohl ein echt einsames und trauriges Dasein. Solche Kandidaten, die sich dann bei einem Jedermann Rennen bis aufs Blut bekriegen, um den besten Startplatz rangeln um nach 30km mit gleichermaßen gebrochenem Schlüsselbein und Carbonrahmen am Straßenrand zu sitzen, die Schuld beim anderen Fahrer suchen und auf das Crash Replacement des Herstellers hoffen.

Man tauscht am Checkpoint Ultra gleichzeitig Sonne gegen Wolken, spürt den Wind pfeifen und die Temperatur sinken – doch weiter, immer weiter! In aller Offenheit, es ging wirklich recht flott nach oben, nach 2:15h für den erst Anstieg – meine Begleitung war nur knapp vor mir da, baute sich der Funkturm vor mir auf. Ich war erstmal extrem mit Bedürfnisbefriedigung in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Hunger, Durst, kalt, frier…. Hunger… STEMPEL!!!???!!… Okay, ganz wichtig, sonst war die ganze Show für den Allerwertesten. Abgepackte Madeleines und Cola harmonierten wahrscheinlich nur aufgrund meines Zuckermangels so geil, das es mich beim Tippen dieses Satzes nur anekeln kann 😀 Stempel erhalten, Check! 

Ein sympathisches Frösteln erwischte mich mit voller Wucht und so musste ich mich erstmal mit so ziemlich allem einpacken, was mein Kofferraum her gab – von kurz/kurz zu Weichei mit Armlingen, Buff, Windstopperjacke, lange Handschuhe in 2 Minuten. 

Die Abfahrt nach Malaucène? Gesperrt für PKWs. Das heißt dann wohl, alleine im Tal zu Mittag essen und den nächste gemeinsamen Treffpunkt Sault mental fixieren. So stürzte ich mich alleine den Ventoux herunter. Keinen einzigen Funken verschwendete ich daran, dass ich genau hier gleich wieder hoch muss. Es rollte einfach so gut, dass ich mal wieder einen meiner süchtig machenden Adrenalin-Tempo-Trips erlebte. Nach knapp 25 Minuten war ich schon im Tal, sah aus wie ein Mondmensch (wir haben gerade über mein Outfit gesprochen 😉 und das haben mir die argwöhnischen Blicke der Passanten auch klar zu verstehen gegeben, dass es aussehen muss. Kurz darauf schnappte ich mir einen freien Tisch in einem der vielen Restaurants, aß die mit komfortablen Abstand schlechtesten Spaghetti (selbst die Kinderspaghetti im Maredo in Köln nach Rad am Ring waren besser) und redete mir die Lust ein, wieder den Berg hinauf zu fahren. Stempel erhalten, Check! Weiter!

Zweiter Anstieg des Tages. Optimistisch murmelte ich mir dann zusätzlich vor, es sei nur noch ein Anstieg danach. Wir wissen aber alle, dass sowas Augenwischerei ist. Ob es nun an der stechenden Mittagssonne, dem vollen Magen, einem fast 21km langen Anstieg, der mit knapp 10% Steigung am Stück auf 4km verteilten Ultrarampe oder meinem Körpergewicht (ich wette einen 10er auf die letzte Variante) lag – der Anstieg wollte verf***** sch**** nicht enden. Von dieser Seite wollten auch beträchtlich weniger Radler hinauf, mit Ausnahme eine e-Bike Truppe – ich realisierte erstmalig, warum ich bekloppt bin.

Auf dem Gipfel des Ventouxs angekommen kommt es mir in den Sinn „Einmal noch, da fehlt nicht mehr viel!“ Aber? Richtig! Anziehen. Es ist natürlich weiterhin schweinekalt da oben, ich friere und es zieht wie Hechtsuppe. Ich verpacke mich erneut in lecker verschwitzte und danach getrocknete Kleidung, um sie wieder voll zu schwitzen. Der Kiosk muss gestürmt werden. Die Mitarbeitern schaut mich schon ganz mitleidig an und fragt: „2nd oder 3rd time?“ Am Stolz gepackt murmele ich ein „2nd“ vor mir her und zahle das Festmahl, bestehend aus Madeleines und Cola. Rein mit dem Zeug und aufs Rad, Sault wartet. Aber halt! Stempel holen, Check! Jetzt aber weiter!

Man muss wissen (ihr könnt es auch an den Bildern und den Höhenprofilen erahnen), dass es nach Sault kein heißer Ritt ist, sondern eher Balsam für die geschundenen Beine. Da der Anstieg nicht extrem ist (im Mittel weniger als 5%), rollt es sich eben auch bergab mit angenehmer Geschwindigkeit, meine Herzfrequenz sagt sogar mal wieder in Zone 1 „hallo“, die Beine treten locker und die Muskeln befreien sich von der fleißig aufgebauten Laktatkruste. Angekommen in Sault bekomme ich den ersten Radler des Tages serviert, und den fucking Stempel bitte – Alkohol hilft doch gegen Schmerzen, oder? Leider bieten die Cafés dort nicht gerade eine reichliche Auswahl Speisen. Und etwas Herzhaftes zum Essen bleibt mit verwehrt – ist immerhin schon nach 16 Uhr, da ist die Küche in Frankreich geschlossen. Unser Kellner hatte sich ein Merde Allemad auf der Zunge, lächelte es aber weg. Meckern hilft nicht, noch einmal muss ich da hoch, dann ist es geschafft. Stempel holen, Check! Quatsch, gab‘ es doch schon beim Getränk, Benjamin, Konzentration! 

Also rolle ich durch blühende Lavendelfelder dem Berg ein letztes Mal entgegen. Was sich auch als recht entspannt erweist, bis es mich in einen Hungerast (ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob es wirklich ein solcher war, denn nach dem Essen ging es mir bedeutend besser, allerdings fühlte es sich widerlich an) zieht, der sich gewaschen hat. Zitternd wie ein Aal hilft mir hier meine Versorgung aus der Patsche – ein ganzes Baguette französischem Ausmaßes und ein Liter Cola. Weiter weiter weiter!

Das Ultras Closing des Tages habe ich wohl verpasst, sind alle schon im Feierabend, als ich ein letztes Mal bergauf am Chalet Reynard vorbei fuhr. Nun bahnen sich nur noch die ganz harten den Weg zum Gipfel, sprich Idealisten, Träumer, Kämpfer, Radler, Dicke, Dünne. 

Darf ich vorstellen, für den letzten Akt befindet sich in den Hauptrollen der unnachahmliche Mistral Wind, unterstützt von seinen unwiderstehlichen Kollegen Kälte und feuchter Nebel. Leute, mal im Ernst. Die Bedingungen waren einfach nur miserabel und die letzten Kilometer wirklich hart, doch auch diese gingen vorbei. So wie es immer vorbei geht, wenn man auf dem Bock sitzt und eigentlich absteigen möchte. Rechts einbiegen, ab in die Rampe, raus aus dem Sattel und die letzten 5-10hm hoch zum Funkturm – ANGEKOMMEN, Wuuuuuhuuuuuu!

Mit stolz zitternder Brust 😀 hole ich mir de vorletzten Stempel des Tages – merci. Sollte es mich auf der Abfahrt nach Bédoin nicht zerlegen, ist das Ding geritzt. Ein drittes und letztes Mal packe ich mich in die feinste Radklamotte für kalte Tage, arrangiert mit unwiderstehlichem Eau de 65km Bergauffahren und begebe mich auf den Sturzflug nach: Bédoin. 

Es ist geschafft! Nach unzähligen Stunden halte ich sehr glücklich und vor allem Stolz die Stempelkarte mit dem sechsten und letzten Stempel in der Hand – offiziell bin ich nun ein Cinglés, No. 12210. Das Abzeichen ziert nun die wunderbare Aufnahme von Philipp Hympendahl in meinem Wohnzimmer (siehe Bilder).

In Summe und heute (der Bericht wurde im Juli/August 2018 verfasst) mit etwas Abstand betrachtet war es ein nahezu magischer Tag. Eine Grenzerfahrung erster Güte. An und über seine Limits zu gehen und doch zu spüren, dass man es schaffen kann. Wer ernsthaft überlegt, den kahlen Riesen zu besteigen, macht es unbedingt!

Und um den Wahnsinn gleich mal perfekt zu machen – es gibt auch die Möglichkeit Galérien zu werden.

Bye bye, euer

Bergwalross

#bergwalross

#noads

Link zur Unterkunft

https://www.secrets-cezanne.com

Link zum Club

http://www.clubcinglesventoux.org/de

Laufräder

Oder… der mit dem Wolf tanzt…

Das Grauen für Fahrer meines Schlages, die sich den Rennrädern verschreiben haben, hat einen Namen. SYSTEMLAUFRAD.

Wisst ihr, da geht man gut gelaunt und frohen Mutes ins Web oder in den Radladen. Dort findet man natürlich schicke Räder, mit ordentlichen Komponenten und meinem Lieblingsthema. Also kauft man sich zufrieden ein Rad der Klasse 1k€, aufwärts – natürlich ist immer noch mehr möglich. Rahmengröße 65 verfügbar? Ja, um dann festzustellen: Systemlaufradschrott (S-LRS) vom Feinsten. Keine Frage, die Teile haben ihre Berechtigung. Bei leichten Fahrern, bei leichten Fahrern und vor allem bei LEICHTEN Fahrern. Nur wer in Gottes Namen hat sich diese von trostlosen Maschinen mit ordentlich Kunststoff rund um die Naben herum dekorierten Teile ausgedacht. By the way, hier wird es subjektiv… aber spaßig! Klassifizieren wir mal diese S-LRS. Einstiegsklasse (Mavic Aksium), Mittelklasse (Mavic Kysirium) oder höhere Klassen (ab Cosmic Carbon). Öhhhh Benjamin, hey! Nur Mavic, was ist da los? Nichts, aber es steht exemplarisch für die ganze Branche. Und dient als Orientierung. 

Unterschiede liegen natürlich im Material (Alu, Carbon, beides), Felgenhöhe, Naben, Speichen usw. Aber wirklich legendär ist, dass diese Glanzleistung von Ressourcenverschwendung Gewichtsfreigaben bis 90kg, oder wenn es ganz gut läuft auch mal 100kg, aushalten – Systemgewicht natürlich. Nicht, dass die Werte für die Hühnen ja sowieso schon ein Witz sind. Es gibt nach meiner zugegeben nicht empirisch erhobenen Studie eine ganze Menge von leicht übergewichtigen Radler, die diese Gewichtsgrenze reißen.

Also, was macht man dann? Denn eigentlich ging es um den Wolf, das Walross und so… 

Webrecherche. Und da fällt auf. Marchisio baut mit den Solida X120 etwas von der Stange, Campa Zonda sollen ganz gut sein und ach, sowieso die Rigida DP18 Felge geht immer… 

Aha… für das World wide Web, dass mir zu spannenden Themen wie Gina-Lisa und ihr drittes angeblich geleaktes Sextape (lasst den extra Tab im Browser zu, gibt es nicht ihr Lustnudeln ;D) Millionen von Einträgen liefert ein echt magere Ausbeute.

Und dann ist da dieser Typ, der Felix heißt. Gäbe es einen Fischmarkt für Fahrräder, Felix hätte wohl den Stand mit der Menschentraube und den begeisterten Zuhörern. Markige Sprüche, rasiermesserscharfes zerlegen der unzähligen Semi Experten, und ein bombastisches Fachwissen. Nun, kann der Kerl auch liefern? Ja, er kann. Und wie. Aber erstmal telefonieren.

Und damit war auch schnell klar? Mein Traum nach einer hohen Carbonfelge mit Bremsflanke aus Alu ist geplatzt. Die Bremseigenschaften von Carbon werden aus unerfindlichen Gründen ja gerne bis zur Unerträglichkeit schön geredet. Diese Personen erinnern mich irgendwie an Eltern, die verzweifelt probieren schön zu reden, aus welchem intellektuellen Grund ihr Kind gerade die Darmausscheidung eines Hundes in die Hand genommen hat. Richtig, da gibt es keinen. So wie das Kind das nicht machen soll, bremsen Carbonflanken schlecht. Auf Abfahrten, bei Nässe, generell. Damit möchte ich nicht die Berechtigung von Carbon anzweifeln, aber sie sind eben nur mit Scheibenbremsen (heute habe ich ein Talent, alle Zündstoffthemen in einen Artikel zu packen ;D) für den Privatmann sinnig…. mimimi Benjamin… Profis fahren auch damit. Tun sie, stimmt. Mit einem bezeichnenden Unterschied. Der Profi verheizt wohl >5 Laufradsätze der 5k€ Klasse pro Jahr, während das für uns Privatleute schon einen Insolvenztatbestand bedeuten könnte.

Der Wolf, zurück zum Thema. Felix war dann recht schnell bei der Sache, DT Swiss Semi aero kannst du haben, Naben, wenn auch teuer von Chris. Das Teil hält… und läuft… und rennt… und ist stabil… 

Acht Wochen später (probs an DT Swiss für Drama in der Lieferkette) war das Paket da. Und nun ist bei mir die Biene los. Bei weitem nicht der Leichteste (32/36 Einspeichung), aber so unfassbar stabil, laufruhig, dass ich sogar immer wieder auf Jedermannrennen angesprochen werde, was das ist.

Mein Fazit. Lasst euch was schönes Bauen und ihr habt wirklich Freude. Natürlich kann ich das im Speziellen über Felix sagen, der dieses Lob durch eine Weltklasse Qualität verdient hat, aber alles andere macht nur Ärger.

Euer 

Bergwalross

Mallorca 312

One two three from New York to Germany? 

Nein, three one two from Mallorca to Laktat – wie mich die Insel an meine Grenzen brachte, ohne Sangria.

Es war der 11.10.2014. Ich saß mit meinem besten Kumpel Nando bei ihm am Küchentisch und wir machten Nägel mit Köpfe. Einige Monate hatte ich meinen Wahnsinn in mir herumgetragen, befeuert von einer Radsport Zeitung Namens „Cyclist“. Kurzer Ausflug hierzu: Diese Zeitung hatte in 2014 probiert, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, scheiterte aber leider – sehr zu meinem Bedauern. Die Gründe wurden mir als Abonnent nie mitgeteilt, es kam einfach keine Zeitung mehr, und es wurde auch kein Geld mehr abgebucht. Mein erstes Ghosting Erlebnis 😉

Nun, wie auch immer… die 15 schönsten Radrennen Europas… titelte er damals. Und ich war natürlich Feuer und Flamme, immerhin war auch mein erster Härtetest, Rad am Ring, drin. Der Cyclist schrieb über den Velothon in Berlin, die L‘Eroica in Italien und… über die Mallorca 312. Den Artikel laß ich erstmalig während eines Freibadbesuches im August. Um euch die 12 Seiten einmal komprimiert darzustellen, sodann ich es wieder in epischer Breite aus meiner Sicht im Anschluss ausrolle 😀 ging es um eine Umrundung der Insel, startend im Norden. Playa de Muro, das Lycra Mekka. Das Ibiza des Radsports. Zur Unzeit einer Radsportvorbereitung, im April. Auf jeden Fall saßen ein paar Jahre zuvor einige Radsportenthusiasten und ein cleverer Hotelmanager zusammen und fragten sich, warum diese Insel noch kein Radsportevent besitzt. Und damit war die Mallorca 312 geboren. Nein, die Zahl 312 ist nicht aufgrund von zu viel Sangria oder San Miguel entstanden, auch nicht willkürlich, wie bspw. die Motorenbezeichnung 63 bei AMG. Es geht um 312 Kilometer, 312.000 Meter. Wer das mal probieren möchte oder ein Gefühl dafür benötigt, fährt im naheliegenden Stadion 780 Runden im Kreis auf der 400m-Tartanbahn. Oder von Düsseldorf nach Heidelberg via Autobahn. Vergesst allerdings die Höhenmeter nicht, 4.500 an der Zahl. Einen Vergleich noch, dann lasse ich euch in Ruhe. Das ist in etwa so, als ob ihr mit dem Rad auf das Matterhorn hinauf fahren möchtet, aber ohne Schnee, immerhin. Wer nun denkt, alle Radfahrer und auch der Schreiberling haben einen Knall, okaaaay, ein bisschen vielleicht.

Wir kommen vom Thema ab. Ein paar Tage vor dem Küchentischmeeting fragte ich also, ob mich mein bester Kumpel wieder zu einem Radrennen begleiten will. Auf das „na klar“ folgte ein misstrauisches „Wohin?“, offensichtlich hat mein Grinsen in der Frage für Zweifel gesorgt. Trotz der zugegeben ziemlich originellen Idee, für ein Rennen nach Mallorca zu fliegen, mein Zweites überhaupt, war er dabei. Die Planung lief an wie ein sauber gestafftes Projekt. Wir brauchten Flüge, eine Unterkunft, ein Mietrennrad, einen Mietwagen und natürlich einen Startplatz. Die Verlosung für das Rennen startete jedoch erst am 01.11., und meiner erfolgreichen Registrierung siegessicher, buchten wir noch am gleichen Abend unser Domizil in Porto Cristo (schön, aber nicht optimal gelegen) und den Flug mit Ryanair. Mein bester Kumpel sollte also auch mal die Gelegenheit bekommen, Teilnehmer der am besten organisierten Verkaufsveranstaltung über den europäischen Wolken zu werden – Scratch Cards wir kommen… 😀

Mein to do für den Winter 14/15 war somit klar. So viele Kilometer wie möglich auf allem abreissen, das Pedale hat. Egal ob nun Spinning, Mountain oder Road Bike. Ehrlicherweise folgte ich keinem gezielten Trainingsplan und mache das bis heute auch nicht. Ich glaube sowieso, dass solche Amateurennen mehr im Kopf als mit den Beinen überstanden werden. Und mal im Ernst. Es sind einfach Unmengen Kilometer in Distanz und Höhe, dass lässt sich doch garnicht richtig trainieren… Meine Wohnlage erfordert zusätzlich eine gewisse Stressresistenz im Umgang mit Höhenmetern. Alleine schon die Idee, aufs Rad zu gehen bedeutet, mindestens 300hm zurückzulegen, um wieder nach Hause zu kommen, und zwar nicht mit harmonisch-linearen 5% Steigung. Der Odenwald und die Bergstraße für sich genommen sind zusätzlich eine tolle Trainingsfläche für Ausdauerfahrten, schöne Landschaften oder knüppelharte Anstiege mit bis zu 22%. Also trainierte ich kurze Strecken mit hoher Steiglast, längere Distanzen bis 150km und ein bisschen herumtrödeln. Ein Pulsmesser zählte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu meinem Equipment, lediglich ein Garmin Edge 810 (dieses von Satan höchstpersönlich in Software-, Hardware- und Performanceaspekten kreierte Gerät ist mittlerweile zum Glück verkauft und Garmin aus meinem Leben verbannt), um die gefahrenen Strecken zu protokollieren. Ende April hatte ich also ca. 1.500km und unzählige Stunden Spinning in den Beinen, kein Fabelwert, aber hey, mein Arbeitgeber bezahlt mich auch nicht dafür 😉 

Übrigens, weshalb ich mein Rennrad nicht mitnehme hat eher pragmatische Gründe. Ich trainiere im Winter mit einem Canyon und im Sommer mit einem Storck. Und auf Mallorca finden sich gut gewartete Räder von Canyon für die Kosten, die ich sonst alleine für Hin- und Rücktransport aufwenden muss, abgesehen davon kenne ich die Geometrie. Also Sattelstütze (Achtung, ich fahre eine 500mm lange) und SQLab Sattel (definitiv nie wieder Taube Nudel :D) in den Koffer und los geht‘s.

Guten Morgen Baden-Baden Airpark. Dieses Prachtstück eines Provinzflughafens, flächenmäßig jedem Amazon Logistikzentrum hoffnungslos unterlegen, präsentierte sich da vor uns… und sah irgendwie geschlossen aus. Aber das dunkelblaue Höhenruder blitzte über dem Dach des Terminals hervor. Also rein da. Als Ryanair Profi kennt man die natürlichen Margenoptimierer (aus Sicht der Airline) bzw. Kostenfallen (aus Sicht des Kunden). Unsere Tickets, schön im handlichen DinA4 Format ausgedruckt, mit 1/3 Fluginformationen und 2/3 Werbung versehen, gezückt und die Koffer peniebelst abgewogen (diesen peinlichen ich stopfe alles vom Koffer ins Handepäck Moment wollte ich uns sparen, es gibt wirklich schöneres als von einer Airline gedemütigt den Urlaub zu beginnen) standen wir nun bei der Misses am Check-In und passierten unfallfrei auch die Sicherheitskontrolle. 

Wer ist denn schon einmal über das letzte Aprilwochenende, dass in den Mai mündet, nach Mallorca geflogen? Jeder, der sich die Frage mit „Ja!“ beantwortet weiß genau, was nun kommt. Im Abflugbereich tummeln sich Jungesellenabschiede, sogenannte Mädels-Wochenenden und der Höhepunkt, eine komplette Fußballmannschaft. Die Blicke kämpferisch, die Handlungen entschlossen, das Weizenbier (nicht alkoholfrei, aber isotonisch und so) im Anschlag. Hier sollte angemerkt sein, es war morgens halb acht. Diese Jungs verfolgten also ebenfalls sehr stringent ihre Ziele, wenn auch andere im Vergleich zu mir. Somit teilt sich die Mallorca 312 das Wochenende mit dem Bierkönig Opening, Freud und Leid lagen eben schon immer nah aneinander 😉

Das Boarding ging im Rahmen eines Ryanair Fluges gesittet zu und damit startete auch schon DIE Verkaufsshow: Getränke-Speisen-Boardshop-Getränke-Boardshop-Scratchcards-Getränke. Der Flug ist nun wirklich nicht lange, und die Jungs und Mädels der Airline fegen sieben Mal durch den Flieger, Respekt. Wenn Ryanair könnte, würden auch noch Rheumadecken und Topfsets verscherbelt werden, ist aber doof wegen dem Gewicht und der Handlichkeit 😉 Unsere Fußball Jungs hatten in der Zwischenzeit hart gekämpft, den Biervorrat an Board routiniert vernichtet und setzten zum finalen Akt an, die Bluetoothverbindung zwischen Smartphone und Speaker herstellen. „Scheiß‘ drauf, Malle ist nur einmal im Jahr…“ krakeelte es aus der Box, ich hätte es nicht besser sagen können…

Angekommen an PMI ging alles recht schnell, einmal abgesehen von der Marathon Halbdistanz am „Flughafen der langen Wege“ zwischen Gate und Kofferband. Mietwagen (und somit Teambus, Versorgungs- & Teamleitungsfahrzeug sowie Sightseeing-Gefährt in einem – ein Fiat Panda mit Annehmlichkeiten wie vier Rädern, einem Lenkrad, einem Radio und elektronischen Fensterhebern, vorne!) Check, Grundversorgungseinkauf Check, Apartment Check, Mietrennrad Check. Es war also alles angerichtet für das Rennen. Ganz profimäßig gab es am Abend zuvor Burger von dieser unglaubliche seltenen Burger Kette aus den Staaten mit der offenen Flamme 😀

Porto Cristo, im Osten der Insel gelegen, hat ein wenig den Charme eines Hafenstädtchens, logischerweise durch den kleinen Hafen, vielen kleinen Restaurants, engen Gassen und der sehr hügeligen, verwinkelten Bauweise. In der Nebensaison schläft dort der Tourismus und man hat es, wie ich finde, urgemütlich. Die Distanz zum Rennstartpunkt hatte ich jedoch völlig unterschätzt, weshalb recht frühes aufstehen am Renntag notwendig war.

Kennt ihr den Moment, in dem ihr ziemlich genau eine Sekunde vor dem klingeln des Weckers wach seid? Ich schaute auf den Wecker, 4:44 Uhr, Sprung, 4:45 Uhr und es setzte stille hektische Betriebsamkeit im Apartment ein. Kleidung, Rad, Versorgung, Musik, Sonnenbrille, Weste, Bargeld, Streckenkarte. Wir hatten beide einige Dinge zu erledigen und wir waren schnell startbereit, danach frühstücken… und los…!

Rad am Ring war etwas besonderes, doch morgens um 6.30 Uhr mit (damals noch) 3.000 anderen Radverrückten im Startbereich zu warten, auf einer Urlaubsinsel, dass hatte schon ganz besondere Züge. Pünktlich um sieben Uhr startete das Rennen. Ich sortiere mich grds. immer weiter hinten im Feld ein, mir ist es zu hektisch und zu ernst bei den Herren und Damen weiter vorne. Es geht mir ums finishen, nicht um die letzten Sekunden. Denn die spielen bei meinen Wettkampfdaten, 210cm Körpergröße, 115kg Körpergewicht + Ausrüstung + Rad sowieso keine Rolle. Um 7:14 Uhr passiere ich dann auch endlich die Startlinie und bin ab nun in meinem persönlichen Kampf gegen die Insel – und vor allem gegen mich selbst selbst. Dazu später mehr.

Wir rollen durch die Städte im Norden der Insel, und es geht wie erwartet recht gesittet zu. Natürlich, ein geregelter Start über die ersten 25km, bis wir an den Fuß der 

Sierra Tramuntana gelangen, trägt dazu seinen Teil bei. Ein absolutes Highlight. Pünktlich zum Sonnenaufgang passieren wir die Bucht von Pollenca. Ein sagenhaftes und magisches Erlebnis, welches mich für einen Moment das Rennen vergessen lässt, meinen Körper in wohlige Wärme, gepaart mit wunderschönen Bildern, taucht. Ich würde euch gerne in meinen Kopf schauen lassen, um dass zu sehen, was ich darin gespeichert habe. Diese Bucht bedeutet auch, wir nähern uns den ersten Anstiegen und es wird ernst. Damit ist der Kampf eröffnet. Klettern bis hoch zum sagenhaften Puig Major steht auf dem Programm, der über Mallorca wacht als wolle er sagen: „Freunde, habt Respekt, dass ist meine Insel!“ „Okay, okay, denke ich, gegen dein Kampfgewicht sehen selbst solche Bergwalrösser wie ich alt aus…!“ Man glaubt garnicht wie schnell aus omnipräsentem Gesäusel durch die Unterhaltungen im ganzen Feld auf einmal absolute Stille wird, wenn man einen Berg dagegen stellt. Mit einer Ausnahme: Surren. Die Antriebe der Räder scheinen noch nicht sprachlos zu sein. Das Pulk kämpft sich die ersten Anstiege hoch und an dieser Stelle wundere ich mich, weshalb ich mich links aufhalte, dort fahren die Überholenden. Kurzer Ausflug: Ich feiere diese eine total verrückte Truppe Holländer, die gleich am ersten Anstieg mit Kuhglocke (Wie kommt die auf die Insel? Ist das eigentlich Sperrgepäck? Ohne Scheiß, die war richtig groß! Leuten die auch beim Flug aus dem Frachtraum heraus? Dong! Dong!) und diesen Tour-de-France-Bergetappen-Klimper-Utensilien richtig Stimmung machten, inklusive diverser Motivationssprüche auf den Asphalt geschrieben. Es läuft erstaunlich rund und an der Versorgungsstation Gorg Blau entschiede ich deshalb, weiter zu fahren, denn ich fühle mich gut, achte allerdings auch darauf, alle 45-60 Minuten einen Riegel oder Gummibärchen zu verdrücken. Wir passieren die Militärgebäude, die immer eine leicht bedrohliche Aura versprühen und dann auf einmal, Finsternis. Nein, keine Sonnenfinsternis, sondern ein Tunnel. Bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, hat man ihn allerdings schon passiert und wird mit einem unglaublichen Panorama belohnt. Dieses gibt den Startschuss zur Soller Hatz frei. Meine Güte, geht es hier abwärts. Das ist natürlich eine Endorphingarantie, aber auch unglaublich gefährlich, denn viele Radler können nicht abfahren. Ich schreibe es mal meinem guten Fahrlehrer zu (Danke Karl), der mir das Motorrad fahren beibrachte, dass es für mich einfach prima lief und ich viele Räder hinter mir ließ. Übrigens war dies auch die letzte Ausgabe der 312 ohne vollständig gesperrte Straßen, weshalb man auch den Gegenverkehr immer ein Auge schenken durfte. 

Nach dem Temporausch war ich gut gelaunt und mit fitten Beinen bereit für den zweiten Akt, klettern nach Valdemossa, wo Nando erstmalig auf mich wartete, immerhin der einzige Touchpoint in den Bergen zu ihm. Zu meinem eignen Erstaunen klappte auch dieser Teil super, die Küstenkilometer flogen mal langsamer und mal schneller an mir vorbei, und dann eben der angekündigte Stopp. Ein vertrautes Gesicht, neue Riegel, dieses widerliche Wasser mit Isotonikpulver, und weiter. Wer hat sich eigentlich diesen ganzen ekelhaften Radsportmist an Nahrung einfallen lassen. Vor allem Gels sind für mich eine Höllenbrut. Und warum schmeißen alle ihren Müll auf die Straße, anstelle ihn einfach unter das Hosenbein zu schieben???

Zurück zum Rennen: Es sollte offensichtlich mein Tag sein. Bei Kilometer 90 werden zumindest mental Helden gemacht, hier entscheidet man, ob 167km (links) oder 312km (rechts) die richtige Distanz für die heutige Verfassung sind. Nach der heldenhaften mentalen Entscheidung müssen dann allerdings die Beine liefern. Ich bog rechts ab. Am vorletzten Berg vor Andratx musste es aber natürlich auch mir mal richtig weh tun, meine Beinen krampften zwar nicht, sie fühlten sich einfach nur seltsam an. Zusätzlich drängte sich der Verdacht auf, dass Petrus mich seinen Zorn spüren lassen wollte. An diesem verfluchten Berg (ich weis nichtmal mehr, wie er hieß) wurde schlagartig Sonne gegen dichte Wolken, Windstille gegen Böen, trockene Luft gegen leichten Nieselregen getauscht… F*** Off dachte ich, und trat stoisch in die Pedale, obwohl es sich anfühlte, als ob ich zeitweise stehen blieb.

Abfahrten sind ein äußerst verlässliches Heilmittel für vorausgegangene Qualen durch Anstiege, und so kam ich mit rund 3.500hm in den Beinen über die Schneise Santa Ponca/Palmanova nach Palma Stadt. Es bildete sich eine recht große Gruppe von ca. 400 Mitstreitern. Palma Hafen, Platja de Palma, Arenal, die Kilometer flogen förmlich an uns vorbei, wir hatten uns förmlich in einen Rausch getreten, 40/45er Schnitt, nach diesem Monstrum von Gebirge (und dem netten Wind am Ende) – Wahnsinn!

Egal, ob nun Mallorquiner, seniorere Gäste oder Ballermann Besucher, wir bekamen erstaunlich viel Beifall, ja sogar Jubel. Ein tolles Gefühl, das enorm motiviert. Ich kann es nicht anders sagen, aber es macht einen wirklich stolz, diese Anerkenntnis und den Respekt zu erfahren. Doch für mich persönlich sollte dies nicht ewig halten. Es begann der für mich persönlich härteste Teil, 150km in der Ebene… 

Nach Verlassen von Arenal zog sich das Feld stark auseinander. Die Straßenführung im Südosten der Insel hat ganz starke Ähnlichkeit mit der Route 66. Man kennt die Filmaufnahmen von schnurgeraden Straßen, leicht ansteigend, bis an den Horizont, und fragt sich, wie es dahinter weiter geht. Dort angekommen, fühlt man sich wie bei Monopoly. Zurück auf Los, ohne 4.000,-€ zu kassieren. Das Drama beginnt von vorn, gerade Straße, leicht ansteigend… Ich musste irgendwann vom Feld komplett abreissen lassen, da ich total platt war, und auch etwas erschüttert von dieser nicht enden wollenden Schleife an Streckenprofil. Das nagte an den Nerven. Aus dem Nichts passierte etwas ebenso verrücktes wie geniales. Der Bayernexpress (ich habe die Jungs mal kurzerhand so getauft, da beide aus besagtem Bundesland stammen), Martin und Andi, sammelten mich auf, hängten mich in ihren Windschatten und von nun an ging es im 40er Schnitt durch den Südosten Mallorcas… Wir machten uns bekannt. Hier Andi, der Triathlet aus dem Bilderbuch. Groß, sehr schlank und gefühlt unkaputtbar und sowieso hatte ich mich gefragt, ob wir bisher das Gleiche Rennen fuhren. Dort Martin, der Typ „fährt schon immer Rad und hat daher eine unzerstörbare Grundlagenausdauer“ mit der unfassbar lieben sozialen Komponente. Und dazwischen – Benjamin das Bergwalross. Ich kam mit den Jungs ins Gespräch… „Wie groß bist du eigentlich?“, „Unfassbar, wie du das hier durchstehst. Du bist ja alles andere als ein Fahrer mit Bergstatur.“ Ehrlicherweise spielte sich in meinem Kopf eine Mischung aus stumpfen Gedanken „Treten, treten, treten…“ und „Danke für die Blumen ab…“ Natürlich, und ich möchte hier keineswegs undankbar klingen, freut man sich über so viel Anerkennung. Aber mit steigender Kilometerzahl stieg auch mein Stresslevel und die Angst, irgendwann einzubrechen. Bis ich, ihr ahnt es, bei Kilometer 205 die Jungs tatsächlich ziehen lassen musste. Das Schlimme war im Grunde genommen nicht einmal die körperliche Beanspruchung, sondern die Psyche. Als 5km vorher der Zähler von 199,9km auf 200km umsprang, war das ein Glücksmoment, der seines Gleichen suchte. Gefolgt von meiner gefühlt ersten Rad-Depression. Der Moment, in dem du realisierst, dass du 200km geschafft hast und noch 112km vor dir liegen. Ich traf Nando bei Kilometer 220 demoralisiert und den Tränen nahe, mit Oberschenkeln, die abwechselnd zuckten und krampften und einem inneren Schweinehund, der schon den Champagner offen hatte, da er sicher war, ich gebe auf.

Da standen nun gefüllte Getränkeflaschen, Energieriegel, ein hochmotivierter Betreuer und 90km Restdistanz und ein Häufchen durchgeschwitztes-miefendes-210cm-großes Elend (also ich :D). Bekommt man das nochmal zu einem funktionierenden Paket zusammen? Nando hatte durchaus seinen Kampf, ob nun Motivation oder Vorsicht der bessere Ratgeber für mich ist. Aber er hat es trotzdem geschafft, die richtigen Worte zu finden. Ich wollte also weiter und er unterstützen. Ihr glaubt nicht wie groß sein Anteil am Finishing dieses Events ist. Da waren u.a. perfektes Timing mit der Versorgung, Flexibilität mit den Stopps (sorry für die unzähligen „in 5km bitte“), mentales Aufbauen, doch auch Augenmaß für den Zeitpunkt, mich anzumahnen und an meine Gesundheit zu appellieren. Tausend Dank an dieser Stelle!!! 

Okay, also zurück auf das Rad. Des Wahnsinns letzten Akt schreiben. Mit der Frage aller Fragen (Schaffst du es?) in Gedanken in Richtung Porto Cristo. Durch die Individualversorgung konnte ich die nächste Verpflegungsstation wieder auslassen (so wie alle anderen auch) und holte in dieser Zeit zu meinem großen Erstaunen sogar meinen Bayernexpress wieder ein. Nun radelten wir wieder ein Stück gemeinsam und freuten uns darüber, sich erneut zu begegnen. Die kleinen Dinge im Leben eben 🙂 Das ist übrigens eine der wunderbarsten Erkenntnisse im Radsport. In meinem Leistungslevel tummeln sich eben nicht mehr die verbissenen Sportler, sondern überwiegend ambitionierte Sportler mit Herz. Ich liebe die Begegnung mit solchen Menschen.

Arta, 25km vor dem Ziel. Meine Konzentration war eindeutig am Boden und es passierte, was nicht passieren darf. Ich persönlich empfand die Beschilderung an einer Abbiegung als schlecht und natürlich war da noch das Thema mit der nachlassenden Konzentration. Ich machte kurzerhand aus der Mallorca312 die Mallorca316. Falsch gefahren, richtig. Als der Fahrbahnbelag kontinuierlich schlechter wurde schöpfte ich langsam Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt. Und dann sah ich von einer Anhöhe aus das Drama, ein paar Kilometer entfernt waren meine Lycra-Leidensgenossen auf der Strecke, und ich somit daneben! Wer mich kennt, hätte er eine neue Facette von mir kennengelernt. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen wie oft ich „fuck“ sagte und dachte. 

Da ich meine 12 Std. nicht gefährden wollte, habe ich die letzten 25km alles aus mir heraus geholt. Als ich das Ortschild von Can Picaford sah, war klar, ich kann nun bolzen, es bleibt flach. Hier konnte ich auch diesen unsäglichen Haufen italienischer Windschattenlutscher abschütteln, die immer mein Tempo ab Arta mitgingen, aber nie in den Wind wollten. Das Naturschutzgebiet flog an mir vorbei und mein einziges Ziel war, keinen mehr an mir vorbei zu lassen. Die Rennradfahrer Ehre packte mich sozusagen auf den letzten Metern… Und dann erreichte ich das Ziel, endlich…

Für die Statistiker. Es gibt nun drei Zeiten:

12:08h (Zeit des Rennstarts bis überqueren der Zielline)

11:54h (Überquerung Startlinie bis Überquerung Ziellinie, hat etwas gedauert bis 3.000 Starter ins Rollen kommen)

11:35h (reine Fahrzeit)

Liebe Leserinnen und Leser, falls ihr nun denkt: „Das muss ich auch machen!“, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Starten wir mal mit der Guten. Die Insel Mallorca und das Rennen über die von mir berichtete Distanz gibt es nach wie vor. Und wo ist nun dein Problem?

Hier sind wir bei der schlechten Nachricht. Einige unserer werten Kollegen waren der Meinung, sich nicht an die Anweisungen der unzähligen freiwilligen Streckenposten und Polizisten zu halten, die bedarfsgerecht kurzerhand Kreuzungen oder Kreisverkehre vom PKW Verkehr abriegelten, Straßenabschnitte sperrten oder in Begleitmotorrädern auf uns achteten, dass niemand in den Gegenverkehr gerät. Es war einfach toll organisiert, und wir Rennradler ein Teil der Insel. In Summe hat dieses Verhalten aber dazu geführt, dass wir nun eine vollständig gesperrte Strecke von der Inselregierung zur Verfügung gestellt bekommen. Wehrmutstropfen ist jedoch, dass die Streckenführung sehr stark modifiziert werden musste. Nun ist es nur noch ein Rennen über 312km auf der Insel, der Sinn „Du musst 312km schaffen, um die Insel zu umrunden!“, entfällt damit aber leider.

Zurück in Deutschland holte mich eine Woche später eine ältere Person vom Rad, indem sie mir mit dem PKW die Vorfahrt nahm. Ich war machtlos. Daher sind alle Passagen zusammengetragen aus Erinnerungen und damaligen Posts auf Facebook. Seht es mir nach, dass ich nicht zu jeder Steigung detailliert etwas schreiben konnte, aber es fehlen leider viele Eindrücke.

Nach einem verunglückten Versuch in 2016 wage ich mich in 2018 erneut an die 312er Distanz, natürlich mit dem Ziel in unter 12h zu finishen, mal sehen wie es wird.

Hat euch der Bericht gefallen, dann lasst mir doch einen Kommentar, Feedback, like oder oder oder… Gerne dürfen die Posts auch geteilt werden. Übrigens, ich gehe bewusst nicht auf genutzte Markenartikel ein, außer der Zusammenhang verlangt es. Wenn es hierzu Fragen gibt, beantworte ich diese gerne.

Euer Ben

Rad am Ring 150km

Für die extra Portion Grüne Hölle

07.07.2014 – Die Entscheidung

Ich bin nun seit gut drei Monaten im Besitz meines Storckis und habe erfolgreich die ersten 1000km abgespult. Klar, hier drückt dann doch der Sattel noch etwas und da passt der Lenker nicht so wirklich, aber hey: Es ist noch kein Radmeister vom Himmel gefallen. Und der nächste Lance werde ich auch nicht mehr.

Ich sitze abends am Rechner und klicke mich durch die Seiten von Rad am Ring… Mein Kopf stellt viele und gleichzeitig auch echt hässliche Fragen: Bist du dir sicher, dass du das schaffst? Da fahren tausende Radsportler mit und du bist so unsicher, dein Ernst? Du bist bisher nur 60-80km Distanzen gefahren, nun also 150km? 

Ihr merkt also, mein Kopf war voll. Doch hier tat sich Nando als echter Gedankenentschleuniger hevor. „Ben, ich fahre mit und bin dein Betreuer!“ Echt jetzt? Jo, habe ich Bock… Das Tag Team Rad am Ring stand also fest. 

Mein Wille, gleich die lange Distanz abgesehen der 24h Angebote zu fahren, kann man zu 50% als Größenwahn und 50% anerkennenden Ehrgeiz werten (jeder der sich gerade denkt, ich rede mir den Ehrgeiz Anteil schön, hat natürlich vollkommen Recht :D)

Wisst ihr eigentlich, weshalb ich mich für die Nordschleife entschieden habe? Als Radrennen? Als erstes Rennen? Zu Zeiten, als es mit der Sportlichkeit und mir eher so harmonisch bestellt war wie die Beziehung von Mercedes und BMW im Autobauer Business, betätigte ich mich tatsächlich lieber sportlich, aber motorisiert mit 4-, 6- oder 8-Zylindern. Sprich, ich bin mit diversen Autos auf dem Nürburgring oder Hockenheimring meine Kurven gedreht oder gedriftet. Nun wollte ich mir beweisen, dass es auch aus ganz eigener Kraft geht. Ohne wirklich zu ahnen, was der Körper so an Schikanen bereit hält.

25.07.2014 – Gefühle am Vortag

Nun ist es soweit. Einen Tag vor der bis dato größten Herausforderungen meines Lebens, sportlicher Natur! Seit 29.12.12, dem Kick Off zu Abnehmralley, ist verdammt viel in meinem Leben passiert. Und damit meine ich nicht nur die 55kg Gewichtsverlust. Es ist der Punkt, an dem ich mich von Herzen für offene Ohren, aufbauende und motivierende Gespräche, herzliche Gesten und den unendlichen Zuspruch an Mut bedanken möchte. Ich starte morgen bei Rad am Ring über die 150km Distanz, weil ich natürlich hart dafür gearbeitet und trainiert habe. Doch vorallem weil jede(r) Einzelne von euch mich gepushed und ermutigt hat, egal wie „verrückt, wahnsinnig oder krank“ es scherzhalber bezeichnet wurde. „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben.“ Danke!

26.07.2014 – Race Day

Der Team Bus ist gepackt, die Stimmung ist gut. In bester Selbstversorgermanier reisen Nando und ich am Renntag an. Die Aufregung ist echt spürbar. Ich zweifle und frage mich, warum ich das eigentlich machen will. Benjamin, bist du dir echt sicher? Ja verdammt, Schweinehund, bin ich!

Registrierung check, Rad check, ab auf die Start/Ziel Linie. Wisst ihr, Rennradfahrer sind teilweise ein bescheuertes Volk. Ich habe keine weißen Socken an und werde von einigen seltsam angeschaut. Ich trage Team Sky Kleidung, weil ich das schwarz als Grundton einfach mag und werde gefragt, ob ich für das Team fahre. Mit abfallendem Unterton selbstverständlich. Ich bin echt bedient, kein netter Plausch bis hier her. Nur verbissene und bis zum Anschlag gespannte und somit unentspannte Menschen, denen der Blick für die Situation völlig abhanden geht. Es geht los, zu Andreas Bouranis „Auf uns“ rollen wir über Start Ziel und mir stellen sich die Härchen am Körper auf, ich habe Gänstehaut. Bin überwältigt von der Kulisse aus Start Ziel Geraden, Boxengasse zu meiner Rechten, Zuschauertribüne zu meiner Linken und vor mir, der Sprecher, der uns anpeitscht. Hallo Adrenalin, schön dich dabei zu haben…

Die Erste Runde, das erste Mal die Camper im Motordrom, und wieder heraus, durch die Warsteiner Kurve im ersten Rückstau. Nando, alles safe signalisiere ich mit einer Handbewegung. Fuck, ich bin immernoch aufgeregt. Neben mir hektisches Gedränge, um einen guten Platz in Richtung Fuchsröhre zu erhaschen. Und  auf einmal wird es steil, seeehr steil. 60… 65…. 70… 75… 85… 90… KMH! Meine Knie wurden schon weich, dass  kann ich versichern. Natürlich passierte auch das unvermeidliche, ich sah einen Radsportkollegen auf der Straße liegen, RTW daneben, ihn hatte es böse erwischt.

Von Adenauer Forst bis Hohe Acht ist die Nordschleife eine ziemlich hässliche Zeitgenossin mit Sinn für das Testen der Leidensfähigkeit der Fahrer. Es geht noch ein wenig bergauf und bergab und am lieben Tiergarten (kennt ihr diese fießen Steigungen, die endlos geradeaus laufen und man sie sehen kann und deswegen unendlich schwer werden? – welcome to Tiergarten) stand die letzte moralische Prüfung an. Sechs lange Runden bringen einen mental auch mal in Schwung, oder tun auch nur weh. In runde vier hatte ich meine erste Identitätskrise auf dem Renner und fragte mich, warum ich eigentlich fahre, denn es tut alles einfach nur noch weh. Zu dieser Zeit gab es auch ein e-Bike Rennen. Und (ich habe nun wirklich garnichts gegen e-Bikes) einer dieser Fahrer war wohl besonders gut gelaunt und began, mich an der hohen Acht vollzuquatschen. Das es ja landschaftlich mega schön sei, die Verpflegung an den Stationen köstlich und das er sogar neue Akkus bekommt. AAAAALTER 😀 Was ist hier los, ich war froh als er an seinem Akku Stand zurück blieb und ich mich das Brünnchen hinunter werfen konnte.

Doch das eigentliche Highlight war meine Begegnung mit Rita Zinnen in der letzten und sechsten Runde. Wir waren beide völlig am Ende, mental und körperlich. Nur Rita hatte zu allem Übel auch noch Krämpfe. Auf Höhe des Brünnchens haben wir dann begonnen uns zu unterhalten und ich bot ihr an, in meinen Windschatten zu gehen. Wir redeten uns also gegenseitig stark und schafften es ins Ziel. Hand in Hand… Schade, dass es hiervon keine Bilder gibt. Aber emotional etwas ganz einmaliges! 

Ich bin überwältigt von eurem Feedback, den motivierenden Worten, der Anerkennung. Ich habe es tatsächlich geschafft. Platz 228 v. 439. ich bin einfach nur stolz und danke euch von Herzen. Einen besonderen und herzlichen Dank gilt jedoch meinem Manager/Versorgungsstation/Motivator und Organisator Nando! Du hast mir quasi bis auf die Fahrerei alles von den Schultern genommen und ich weis das sehr zu schätzen! 🙂 Danke! Danke! Danke!

Das erste Rennrad

Ich kaufe mein erstes Rennrad – das wird ein Spaß, dachte ich zumindest…

Die letzte Woche des Februars in 2014 schwang sich auf, dem März „Hallo“ zu sagen. Mein guter Freund Jan, ein waschechtes Nordlicht von Sylt, der selbst Hamburg als den Süden der Republik betrachtet, schlug vor, ihn zu besuchen wäre doch was. Oh ja, und wie es das war. Meine bisweilen nervige und zehrende Projektarbeit für den CCM Abschluss, die den Januar und Februar souverän zur Sklavenzeit ummodelte, endete gerade, also war wieder Zeit für Freizeit. Ab ins Auto und hoch in den Norden (also die hessische Version davon)!

Jan kannte meine Pläne, unbedingt ein Rennrad mein Eigen nennen zu wollen. Nur wusste er auch, dass ich in etwa so viel Ahnung von Rennrädern habe wie sich ein sechs Monate alter Schäferhund fragt, weshalb er da eigentlich so rießen Pfoten an seinen Beinen hat. Nämlich gar keine.

Eigentlich ist das doch alles einfach, gaaaaaanz einfach! Jeder, der sich überlegt ein Rennrad zu kaufen, muss eigentlich nur wissen, ob er Shimano, SRAM oder Campa lieber mag, Kompakt- oder Heldenkurbel fahren will (oder besser gesagt kann), welche Rahmengröße aufgrund der Schritthöhe etc. notwendig ist, ob Slooping oder nicht, gestreckte oder eher entspannte Sitzposition, passendes Ritzelpaket – na, schon müde? – Pedale von Look, Time, Speedplay oder Shimano, Rahmenmaterial aus Carbon oder Aluminium, Bikecomputer von Garmin, Sigma, Polar etc. und einen Laufradsatz von Mavic, Fulcrum, Lighweight, sprich Systemlaufrad oder doch lieber ein von Hand eingespeichtes? Ihr merkt schon, das ist in etwa so entspannt wie einkaufen am 23. Dezember ohne Einkaufszettel. Zum einen muss man tausend Sachen beachten und zweitens sich in einem Chaos zurechtfinden, dass es so nicht alle Tage gibt.

Jan hatte eine echt tolle Idee, mich an das Thema heranzuführen. Wir machten eine Bike Shopping Hopping Tour durch Hamburg. Denn gegenüber stand ihm ja der Junge Schäferhund, dem alle eben aufgezählten Fragen echt unwichtig waren. Für mich  zählte nur das Design des Rahmens, und eigentlich wollte ich doch sowieso ein Orbea Orca kaufen, denn es sah einfach nur so unglaublich cool aus – RH60 ist die Buchstaben/Zahlen Kombination, die meine Träume mit einem Mal vernichten sollten, Spanier sind halt klein.

Wir besuchten VonHacht, MSP, Bianchi und zwei Bike Buden in Wurfweite zur Schanze. Und ich stellte schnell fest, im Rennradsport ist es wie in der Schuhindustrie. Große Menschen sind hier eher lästiges Übel, die mit einem Modell zwangsversorgt, bevor es einen bauerngleichen Aufstand mit brennendem Stroh und Mistgabeln vor den Firmenzentralen gibt.

Nach einem amüsanten Tag auf einem Stevens, Simplon und Cannondale, wusste ich genau, was ich nicht wollte. Und das ich die Radläden jetzt schon hasse. Warum konnten nur meine Ghost Buddies von KM Bikesport keine Rennradmarke führen und mir einfach eins verkaufen, fragte ich mich selbstbemitleidend.

Als äußerst problematisch stellte sich folgende Widersprüchlichkeit heraus. Fix und fertig gebaute Bikes wie das CAAD10 von Cannondale oder das Aspin von Stevens gibt es in großen Rahmengrößen, die Komponenten sind allesamt hochwertig, ABER, über hohe Systemgewichtfreigaben Stolpern die Hersteller, genauso über passende Sattelstützen. Warum verbaut man bei einem 64er Rahmen eine 350mm Sattelstüze? Weshalb wird der billigste Schrott aus Frankreich, die Aksiums, an diese Räder geklatscht?

Heute, mit etwas Erfahrung, kann ich ganz klar sagen, dass das Konzept fertiger Bikes für große/schwere Fahrer aus Sicht eines Sadisten zu Ende gedacht wurde. Denn wir bekommen suggeriert, fertige Bikes zu kaufen, um dann doch im Kleingedruckten den Hinweis auf fehlende Gewährleistung bei überschreiten dieser und jener Grenzen in Kauf zu nehmen. Vorbau, Lenker, Sattelstütze (vor allem wenn nicht tief genug in den Rahmen eingesteckt) und Laufräder sind die Achillesferse jedes Rades. Die Bergflöhe suchen hier nach leichter, aerodynamischer, cooler. Wir suchen nach Sicherheit und Stabilität. 

Diesem Umstand geschuldet war es, dass ich großartige Umbauten vorgeschlagen bekam. Laufräder, Vorbau usw. weg, wir schrieben Ihnen auch 200,-€ für die Teile gut, schlagen aber gleichzeitig 1.200,-€ für die neuen Teile drauf. Wow, was für ein unschlagbares Angebot, dachte ich. Dann bekomme ich so ein Standard CAAD10 mit 10-Fach Ultegra (wir schrieben das Jahr 2014) und Großumbau für 3.500,-€.

Damit war das Thema durch. Jan und ich betranken uns zur Feier des Tages über abgezockte Radhändler am Abend auf der Schanze, ohne ein Rennrad.

Zurück in Hessen sollte das Projekt aber nicht daran sterben, das ich in den Augen der Radindustrie der Planet Mars war – bekannt, aber uninteressant, da zu weit entfernt 😉

Vorletzter Versuch, 2-Rad Stadler Mannheim (oder besser gesagt Monnem, wie mir die Frau am Telefon sagte). Ich hätte es schon vorher wissen sollen. Mir wurde versprochen, man rufe mich zurück, mit einem Vorschlag für ein passendes Rad, nachdem ich den Kauf eines Pinarello Dogma Rahmen für knapp 4.000,-€ im super duper Angebot ablehnte. Hätte ich darauf gewartet, wäre ich vor dem Telefon verhungert, verdurstet oder einfach nich nie Rennrad gefahren, denn auch knapp vier Jahre später hat es bis heute nicht geklingelt.

Durch einen unglaublichen Zufall, ich laß einen Artikel über Nico Roßberg in einer Sportzeitschrift, wurde ich auf den kleinen (und feinen – fein sollte ich allerdings erst später realisieren) Hersteller Storck aufmerksam. Nun, irgendwie assoziierte ich damit eher Wehrters Original oder Riesen anstelle von Rädern, aber okay. Ich rief also in Idstein an, und ab da wendete sich das Blatt.

Ein leicht knurriger aber sehr seriös und kompetent wirkender Mitarbeiter am anderen Ende. Nachdem ich ihm mein Leid, meine Eckdaten, die Lebensgeschichte meines Hamsters (natürlich nicht letzteres 😉 und meinen Wunsch auf ein passendes Rennrad in epischer Breite erläutert hatte, herrschte kurz Stille. Kommen Sie bitte am Samstag vorbei, ich muss mir das anschauen.

Paff, das war also seine Antwort. Kein „Ja, es ist immer schwer mit großen Leuten…“ „Warum fahren Sie eigentlich Rennrad, Basketball wäre doch viel besser?“ „Würden Sie 90kg wiegen, wäre das deutlich einfacher…“ Bis Samstag, 10 Uhr, in Ordnung. Ciao. Ich war gespannt, was mich dort erwartete.

Frohen Mutes ins Auto, Geld dabei (Dankeschön, lieber Opa, der meinen Gesundheitstrip bereitwillig finanzierte, in der Abnehmphase durch mehrfache Generalüberholung meines Kleiderschranks und nun im Radsport. Ich hätte diesbezüglich Rapha bitten sollen, mir ein Team Opa Trikot herzustellen.) und 90km nach Idstein. Bei Storck in die Firmenzentrale vorbeizuschauen hat in etwa den Charakter, ein Biotechnologieunternehmen zu besuchen. Überall Glas, Beton, Stahl und Aluminum. Der Inhaber macht offenbar keine halben Sachen, und der Architekt hat hier ein Meisterstück abgeliefert.

„Sie müssen Herr Höfle sein?“ sagte die Stimme im Eingangsbereich. Mein Name ist Helmut, Benjamin. Sie sagten ja bereits sie sind groß, aber so…. Sie werden wohl der größte Kunde, den ich jemals ein Rad verkauft habe. Es sollte so werden.

Er klapperte nicht die obligatorische Liste mit mir ab (siehe oben), sondern sagte so Sachen wie: „Der Rahmen hat nicht genug Reserveren.“, „Sie sollten Shimano nehmen, da am weitesten verbreitet und robuster – die Nicht-Schrauber-Marke also :D“, „Carbonlenker, -vorbei und -sattelstütze ersetze ich Ihnen durch Alu, dafür bekommen Sie eine Gutschrift.“ Die Frage aller Fragen war mit der ersten 11-Fach Generation allerdings: „Elektrisch oder mechanisch schalten?“ Kaufen Sie lieber die hochwertigere mechanische Gruppe, du stehst ganz am Anfang und solltest das Schalten richtig lernen. Beim Rahmen gab es ein wenig Rumgezackere, denn Helmut wollte mir gerne den 66er Alurahmen mitgeben, währenddessen ich in das Scenero G2 hoffnungslos verliebt war. Da fährst du dann aber eine heftige Überhöhung, und brauchst eine andere Sattelstütze, die führt unser Zulieferer nicht. Besorg‘ dir diese bitte, dein Rahmen dankt es dir! „Yes Sir :-)“

Ich hatte endlich einen Ansprechpartner, der mir offen und ehrlich sagte, wie er die Dinge sieht. Natürlich, Storck ist preislich nicht Canyon, obwohl mittlerweile durch die Comp Modelle auch die die Angebotspalette deutlich in preisgünstigere Regionen (ich verwende bewusst nicht das Adjektiv preiswert, denn auch das Scenero ist bis heute jeden Cent wert) erweitert wurde. Aber habt ihr mal probiert den Carbon gegen Alu Deal mit Canyon zu regeln? So hatte ich nun an diesem Samstag ein Fahrrad gekauft, ein Scenero G2 mit DuraAce 9000 Gruppe, komplett auf meine Bedürfnisse abgestimmt, für nur einen Hauch mehr als die WestCoastCustoms Version des Cannondales aus Hamburg. Der aufmerksame Leser fragt sich nun, welche Laufradsätze es geworden sind. Helmut machte sich einige Mühe und bekam schließlich von Mavic das Feedback, die Cosmic Elite S sind das Haltbarste, dass sie im Angebot haben, der damalige Partner von Storck. Das sollte allerdings auch nur eine Krücke werden, klick hier.

10 Tage später holte ich das Rad in Idstein ab. Eine Stunde „wie lerne ich mit Klickies zu fahren ohne umzufallen wie ein Idiot“ inklusive. 😀

Das Scenero fuhr ich bis 2018 mit wenigen Änderungen, denn die LRS wurden dann doch ausgetauscht und die Lenker Vorbei Einheit durch eine mit größeren Rohren ersetzt, da sich diese besser greifen lassen..

Mein Fazit zum Radkauf für große Menschen

  • passender und haltbarer Rahmen ist das A und O, Gewichtsfreigabe des Herstellers ist ein gutes Indiz…
  • Achtet auf die vier kritischen Segmente, bestehend aus Vorbau, Lenker, Sattelstütze und Laufräder
  • Vorteil kleiner Hersteller: Rad auf Maß
  • Vorteil Versender: Gute Refinanzierbarkeit zu tauschender Parts durch Wiederverkauf

P.S. Ich habe in der Rubrik Bikes das Material aufgelistet, mit dem ich fahre. Immer mit einer kurzen Beschreibung, warum ich diese Komponente kaufte. Wen es interessiert, Klick einfach mal rein.

P.P.S.: Aus aktuellem Anlass muss ich leider etwas Kritik an Storck üben, denn die Modellpalette ist nach wie vor sehr attraktiv, allerdings werden die Rahmen immer kleiner. Dieser Trend hat dazu geführt, dass ich der Marke nicht mehr treu bin. Meine Räder sind mittlerweile alle verkauft… Schade!